Daniel 7,2a; 13b - 14
Ich, Daniel, hatte während der Nacht eine Vision: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt.
Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen.
Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.
Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn
Zum Christkönigsfest, das wir heute feiern, haben wir wie am letzten Sonntag einen Text aus dem Buch des Propheten Daniel. In der Einleitung eines Kommentars zum Alten Testament heißt es, dass es gerade für die Lesungen aus dem Alten Testament notwendig sei, den Hörern erklärende Worte zu geben. Dies scheint mir richtig zu sein, stelle ich doch fest, dass es für mich selbst meist recht schwierig ist, die eigentlichen Aussagen der Texte zu finden. Zuerst muss ich immer Kommentare studieren. Da ich jedoch nicht mehr alles behalten kann, muss ich oft die Kommentare mehrmals lesen. So erging es mir auch heute wieder. Nun will ich versuchen, das, was mir am wichtigsten erscheint, niederzuschreiben.
Dem Text, den wir heute hören, geht eine Vision des Propheten voraus, in der er vier Tiere sieht, denen die Macht genommen wird. Sie kommen aus der Tiefe des aufgewühlten Urmeeres, aus der Tiefe widergöttlicher Kräfte und Mächte. Zeichen dieses Aufruhrs gegen Gott ist das Aufgewühltsein des Meeres. Der Prophet sieht danach in der nächtlichen Vision: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Der Menschensohn kommt aus der oberen, der göttlichen Welt. Mit beiden Bereichen, oder in beiden Bereichen muss der Mensch leben.
Die Exegeten sagen übereinstimmend, dass mit dem Wort „Menschensohn“ das Volk Israel, das auserwählte Volk mitgemeint sei. Wie die vier Tiere Könige und Reiche vertreten, so vertrete auch der Menschensohn hier nicht nur seine eigene Person, sondern alle, die zu seinem Volk gehören. Für uns Christen heißt das, dass er die Kirche, die der Menschensohn ins Leben gerufen und deren Leben er selbst ist, in seiner Person mit meint. Wir haben vielleicht Texte aus dem Neuen Testament im Ohr. Zum Beispiel: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ Oder: „Der Menschensohn ist gekommen, sein Leben hinzugeben für die vielen.“ Hier zeigt sich der Unterschied zu den „vier Tieren“. Sie vernichten und fressen alles, was ihnen „in die Zähne kommt“.
Der Menschensohn gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Die vier Tiere stiegen aus dem aufgewühlten Meer und griffen selbst zur Macht. Ganz anders der Menschensohn. Er wird zum Hochbetagten geführt, und der Hochbetagte verleiht ihm Herrschaft, Würde und Königtum.
Nun müssen wir bedenken, dass das Alte Testament die Geschichte Israels mit seinem Gott Jahwe beschreibt. Das heißt, dass hinter der Vision des Propheten geschichtliche Vorgänge stehen. Er hat den Israeliten seiner Zeit mit seinen Worten, mit seiner Verkündigung Mut und Ausdauer zugesprochen. Wider alle Not und Unterdrückung zum Beispiel durch König Antiochus IV. hat er denen, die Gottes Gebote halten, die rettende Hilfe Gottes zugesagt. Der Prophet sieht nicht nur das gegenwärtige Schicksal des Volkes. Er geht gleichsam bis an den Rand der Geschichte, an das Ende der Zeiten. Gott ist Herr vom Anfang bis zum Ende. Er ist der Herr der Geschichte. Er lässt Reiche kommen und gehen. Die Menschen brüsten sich oft als groß gegen ihn und unterdrücken andere Völker. Doch Gott lässt sich die Geschichte der Menschen nicht aus der Hand nehmen. Er selbst wird auch die Geschichte vollenden. Sein Reich ist das erste und letzte Reich. Es ist zwar nicht von dieser Welt, es wird jedoch in dieser Welt gelebt. „Der Bibel geht es nicht darum, uns ein Bild vom Ende der Geschichte zu zeichnen, sondern darum, dass die Geschichte universal verstanden wird, und das heißt „von Gott herkommend und zu ihm führend“. Das Leben der Christen endet nicht im Nichts, sondern es überdauert als Teil des Gottesreiches die Zeiten. Ein Kommentar sagt: „Alle biblische Hoffnung hat nicht zunächst das Schicksal des eigenen Ichs zu ihrem Gegenstand; die biblische Hoffnung ist umfassender, denn sie bezieht sich auf das Schicksal der ganzen Welt und der Menschheit, wenn sie neben der jetzigen immer die kommende Welt sieht.“ Die kommende Welt ist eine ewige. Sein Reich geht niemals unter. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Zu diesem Reich zu gehören, ist vor allem deren Anteil, die zum Herrn gehören. Welcher Ausblick tut sich da auf! Jedes Jahr hören wir am Ende des Kirchenjahres diese Botschaft. Und ich muss gestehen, sie hat mir immer Angst gemacht. Ich hörte immer nur „Gericht“ und „Untergang“. Diesem Pessimismus hat schon damals der Prophet Daniel bei seinem Volk entgegengewirkt. Er sah die Geschichte seines Volkes und die der Völker von Gott Jahwe her. Waren es Völker, die andere unterdrückten, so waren sie Werkzeug Gottes, um die zu strafen, die sich von IHM abgewandt hatten. Gott ist auch Herr der Geschichte unserer Tage. Wir Menschen dürfen das Weltgeschehen im Hinblick auf Gottes Pläne zu ergründen suchen. Wir sollen nicht „gott-los“, sondern mit Gott leben. Mit Jesus, dem Menschensohn, hat Gott einen Neuanfang gemacht. Wir Christen zählen darum mit recht unsere Jahre ab der Geburt Jesu. Ihm hat der „Hochbetagte“ die Herrschaft gegeben. Jesus sagt einmal, sein Vater habe ihm alles übergeben. Der Herr hat die Herrschaft über Völker und Welt mit der Hingabe seines Leben erkauft. Ihm steht es darum zu: Herrschaft, Würde und Königtum zu empfangen. Er hat es verdient, dass alle Völker, Nationen und Sprachen ihm dienen. Wie tröstlich: Wir sind in seiner Macht und Herrlichkeit geborgen. Unser – nicht nur meines – unser Leben hat Zukunft über den Tod hinaus, oder durch den Tod hindurch.
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