Aus dem Buch der Sprichwörter 8,22-31
So spricht die Weisheit Gottes: Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.
So spricht die Weisheit Gottes…
Wir feiern das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Drei göttliche Personen in der einen Gottheit, ein Gott in drei Personen, so lernte ich in der Schule. Da wir als Lesung in der Heiligen Messe einen Text aus dem Buch der Sprüche haben, muss darin ein Hinweis auf den Dreifaltigen Gott sein. Doch ohne ihn gleich zu suchen, muss ich versuchen, zuerst den Schriftsinn an sich zu erkennen. Mein Lehrer, der uns im Alten Testament Vorlesungen hielt, sagte immer, die Theologen würden gleich theologische Aussagen späterer Zeiten in die Texte hineintragen, ohne zuerst zu fragen, was der Text den Menschen in seiner Zeit sagen wollte. Eingedenk dieser Worte frage ich mich jetzt, was denn nun die erste Aussage des Textes ist.
Es heißt: Kein Text ist „vom Himmel gefallen“. Das heißt, jeder Text hat seine Entstehungsgeschichte. Dabei ist zu bedenken, wie der Mensch sich in seiner Zeit verstand und welche geistigen Strömungen es gab. Damals, etwa 200 Jahre vor Christi Geburt, gab es schon eine tief empfundene griechische Philosophie. Sie fragte nach dem Sein und dem Sinn des vergänglichen Lebens. Die „Weisheit“ Israels gibt uns heute in unserem Text eine Antwort von ihrem Glauben her. So spricht die Weisheit Gottes. Es ist nicht menschliche Weisheit, die hier spricht, sondern die „Weisheit Gottes“. Damit verweist der Verfasser des Textes darauf, dass es nicht menschliche Weisheit und menschliches Wissen ist, das hier den Menschen gesagt wird, sondern dass die Weisheit von Gott selbst ausgeht, ja, dass sie Leben von Gott selbst ist. Hören wir, was sie uns sagt: Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Die Weisheit Gottes wird geboren. Sie ist nicht nur eine Eigenschaft Gottes, sondern sie ist eine Person für sich. Sie wurde vor aller Zeit geboren. Gleichsam malerisch und plastisch führt uns der Dichter des Textes das vor Augen, so zum Beispiel „als die Urmeere noch nicht waren“. Das Wort vom Urmeer spricht von einer nicht zu messenden Zeit, und davor wurde die Weisheit schon geboren. Ehe Erde, Berge und Seen entstanden, war die Weisheit schon da. Ich muss an Aussagen der seligen Angela von Foligno denken. Sie hat eine Ahnung von der Ewigkeit geschenkt bekommen. Sie sagt zum Beispiel, dass Gott Vater dem Sohn von Ewigkeit her das Kreuz geschenkt und dieser es von Ewigkeit her angenommen habe. Was ist dagegen die kleine Zeitspanne unseres irdischen Lebens?
Der Dichter unseres Textes hat gewiss noch keine Ahnung von einer göttlichen Person. Er muss jedoch vom Wesen der Schöpfung fasziniert gewesen sein. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass alles nur so aus Zufall entstanden ist. Es musste etwas geben, was den Dingen ihre Ordnung gab, nämlich Gott zusammen mit der Weisheit. Sie konnte von sich sagen: Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Der Dichter glaubt an einen Schöpfer-Gott. Bei ihm war sie, die Weisheit, als er den Himmel und die Welt erschuf. Es war die Weisheit des Schöpfers, die das ganze Weltgefüge so erdacht und geschaffen hat. Es war üblich, Aussagen zu „personifizieren“. So hat der Dichter die Weisheit als Person dargestellt. Sie, die als „geliebtes Kind“ beim Schöpfer sein darf, war die Freude des Schöpfers. In der Freude „des Kindes“ drückt sich die Freude des Schöpfers über das gelungene Werk aus. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein. Hier wird menschliche Erfahrung auf Gott übertragen. Der Mensch ist von Natur aus nicht gern allein. Auch Gott ist nicht gern allein, die Weisheit ist Freude für Gott. Er hat vertrauten Umgang mit ihr und sie mit ihm. Vor allem lebt sie selbst von dieser innigen Beziehung. Sie darf auf „seinem“ Erdenrund spielen. Und da die Menschen auf seinem Erdenrund wohnen, ist sie auch gerne bei den Menschen. Sie kann ihnen von ihrer Weisheit schenken. Einem anderen, den wir lieben, etwas schenken zu dürfen, ist immer Freude und macht froh. Dazu kommt, dass sie mit ihrer Gabe den Menschen helfen kann, gut miteinander zu leben und Welt und Menschen in ihrem Dasein tiefer zu erfassen.
Nun hat die Kirche diesen Text ausgesucht, um etwas von der Heiligsten Dreifaltigkeit auszusagen. Wir können erahnen, dass die Weisheit als „das geliebte Kind“ auch von Jesus, dem Sohn Gottes, ausgesagt werden kann. Wenn der Evangelist Johannes Jesus sagen lässt, „ich und der Vater sind eins“, drückt Jesus in diesem Wort die innigste Beziehung aus. Und wenn sie eins sind, ist der Sohn auch von Ewigkeit her bei seinem Vater. Der gleiche Evangelist berichtet von einem Streitgespräch Jesu mit den Führern des jüdischen Volkes. Darin sagt Jesus: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Es war für Jesus gewiss kein „Spielen auf dem Erdenrund“, dennoch muss er von Ewigkeit her Freude an den Menschen gehabt haben und haben, sonst hätte er sie nicht durch den Kreuzestod erlöst. Von Ewigkeit her hat er darum auch Freude an uns, an mir.– Lasst uns IHM Freude bereiten, indem wir ihm glauben und mit IHM leben.
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