Hochfest der Erscheinung des Herrn
Jesaja 60,1-6
Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter trägt man auf den Armen herbei. Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Denn der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir. Zahllose Kamele bedecken dein Land, Dromedare aus Midian und Efa. Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn.

Die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir.
Wir feiern das Fest der Heiligen Drei Könige. In der Liturgie wird es „Erscheinung des Herrn genannt“, da der Herr sich den drei Weisen „geoffenbart“ hat. Sie sahen das Kind und beteten es an. Von solcher Offenbarung hören wir auch in der ersten Lesung. Beim Studieren des Textes musste ich an das Gebet in der Heiligen Messe nach der Wandlung denken. Der Priester sagt uns: Geheimnis des Glaubens. Unser Beten vollzieht sich im Geheimnis des großen Gottes, an den wir glauben. Ohne diesen Glauben wäre unser Beten leeres Gestammel. So nimmt uns auch jede Botschaft von Gott oder über Gott aus unserer Diesseitigkeit heraus und möchte uns etwas von der Jenseitigkeit Gottes erahnen lassen. Und eben dies nennen wir Glauben. In ihm können wir mit dem jenseitigen Gott, der in seinem Sohn, Jesus Christus, diesseitig geworden ist, leben. Dieser Glaube ist immer mit zu sehen und mit zu bedenken. Je öfter und je mehr ich mich mit der Heiligen Schrift befasse, umso mehr kommt mir die Erinnerung an ein Wort meines Lehrers der Heiligen Schrift ins Gedächtnis. Er sagte, die Heilige Schrift könne den Glauben vertiefen, sie könne ihn auch im Menschen ersterben lassen. Der Grund liegt schlicht darin, dass sich Gott jeder „mathematischen“ Beweisführung entzieht. Nach der langen Vorrede nun wieder zum Text.
Der Text, den wir heute hören, ist aus dem Buch des „Tritojesaja“. Das Buch des Propheten Jesaja ist, so sagen die Exegeten, von drei Propheten verfasst worden. Unser Text ist vom letzten, vom dritten Propheten verfasst. Dabei hat jeder den Text, der vor ihm entstanden war, genommen und hat ihn auf die eigene geschichtliche Situation angewandt und entsprechend verkündet. Darum müssen wir wiederum zuerst hören, welchen geschichtlichen Hintergrund der Text hat. Es ist wohl die Zeit des Königs Cyrus. Im Jahr 538 vor Christus hatte er die gefangenen Juden freigelassen mit der Auflage, ihren Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Freudig zogen die ersten Gruppen heim und fingen an, den Tempel aufzubauen. Doch bald wurde alles mühsam und schwer. Ein jeder hatte nur Interesse, sich ein eigenes Heim zu schaffen. „Die Stadt ist noch ohne Mauern, und so der Willkür und dem Spott der Feinde ausgesetzt…Das Land ist voll von Gewalttaten und Katastrophen…Die Situation in Jerusalem und im Lande ringsum war zu misslich, als dass der anfängliche Eifer durchhalten konnte“(Erich Zenger). Dazu kam die Enttäuschung, dass die Botschaft nicht in Erfüllung ging, die der Prophet zuvor, der sogenannte „Zweite Jesaja“, verkündet hatte. Er hatte Israel die Gegenwart ihres Gottes und eine glückliche Zeit voraus gesagt. Diese ist nicht eingetreten. Im Gegenteil: „Es wurde eine Zeit, in der Jerusalem mit dunklem, düsterem Antlitz als Zeichen seiner Traurigkeit und Todesnot, seiner Schmach und seiner Sünde dalag (Erich Zenger).“ Wenn wir diesen düsteren Hintergrund bedenken, können wir das Wort des Propheten, den Aufruf, verstehen: Werde licht (Jerusalem), denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir. Den Gefangenen in Babel wird gesagt, dass sie von Gott nicht verlassen sind; denen in Jerusalem spricht der Prophet Mut zu: ihr Gott ist da. Sein Licht bedeutet „Rettung, Heilung und Schaffung eines Lebensraumes“(Erich Zenger). Ihr Gott ist Herr von Schöpfung und Welt. Er ist das Licht, das der Finsternis am Anfang der Zeiten seine Zeit zugewiesen hat. Licht ist die Kehrseite von Schatten und Dunkelheit. Diese Kehrseite gibt es beim Herrn nicht. Wo ER ist, da ist Herrlichkeit. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht leuchtend der Herr auf, seine Herrlichkeit erscheint über dir. Indem ich dies schreibe, muss ich immer an Jerusalem und an das israelitische Volk denken. Als ich mit einer Pilgergruppe dort war, wurde in der Grabeskirche auf den „Nabel der Welt“ hingewiesen. Es ist der Mittelpunkt, den Gott sich geschaffen hat und nicht wir Menschen. Die Herrlichkeit des Gottes Jahwe für Juden und Christen und für uns Christen die Herrlichkeit seines Sohnes, Jesus Christus, ist dort im Glauben zu erkennen. Gewiss , diese Herrlichkeit Gottes ist verhüllt und nur gebrochen zu erkennen; dennoch ist sie gegenwärtig. Völker wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz. Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Deine Söhne kommen von fern, deine Töchter trägt man auf den Armen herbei. Pilger aus allen Völkern werden von dem „Glanz des Herrn“ angezogen. Das Wort erfüllt sich: Blick auf und schau umher: Sie alle versammeln sich und kommen zu dir. Sie kommen zum Herrn. Heute verstehe ich manches Wort besser, das auf der Israelreise gesprochen wurde. Da gab es Führer, die wenig über die Orte Jesu wussten oder sagten, dafür aber sehr viele Worte für die Verherrlichung Israels fanden. Ich durfte offensichtlich etwas von der Herrlichkeit Gottes an jenen Orten erahnen; denn ich hatte den Eindruck, solche Erfahrung für meinen Glauben noch nie gemacht zu haben. Ich hatte schon viele Fahrten nach Assisi gemacht, um dem Leben des heiligen Franziskus nachzuspüren. Doch, so musste ich zugeben, die Assisifahrten sind nur ein kleiner Widerschein dessen, was einem das Heilige Land schenken kann. Dieses Heilige Land mit Jerusalem ist ein Abbild des Himmlischen Jerusalems. Du wirst es sehen, und du wirst strahlen, dein Herz bebt vor Freude und öffnet sich weit. Dorthin bringen die Menschen alle ihre Schätze. Noch leben wir im Glauben. Bis wir dort Heimat finden dürfen, sollen wir „die ruhmreichen Taten des Herrn verkünden“.