Jesaja 42,5a.1-4.6-7
So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist: Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.
Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.
Zuerst einige Vorbemerkungen. Der Text, den wir heute hören, ist aus „Deuterojesaja“. Das heißt, er ist nicht vom Propheten Jesaja selbst, sondern von einem anderen, mit Namen nicht bekannten Propheten. Dieser Text ist das „erste Gottesknechtslied“. Es gibt davon noch drei. Bei der Taufe Jesu am Jordan klingt dieser Text an. Es heißt im Markusevangelium: „Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. So lässt sich sagen, der Text aus Deuterojesaja hat sich in Jesus erfüllt. Für den, der die Not des Glaubens in sich trägt, kann die Wirklichkeit, dass Jesus zwar den Tod erlitten, ihn jedoch in seiner Auferstehung überwunden hat, eine Hilfe sein. Jesus hat durch seine Auferstehung das göttliche Leben kundgetan. Es gibt diesen Gott, und dieser Gott hat durch die Propheten sich immer wieder den Menschen geoffenbart. So sind die Aussagen der sogenannten Gottesknechtslieder nicht Spekulation oder Einbildung eines Menschen, sondern von Gott geoffenbarte, für uns Menschen verbindliche Wirklichkeiten, die es in unserer Welt gab und gibt.
Welches sind nun die Aussagen über den „Gottesknecht“? Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Gott spricht, dass es „sein Knecht“ ist. „Der Knecht steht nicht über dem Herrn“, heißt es an einer anderen Stelle. Der Knecht hat den Auftrag auszuführen, den er von seinem Herrn bekommt. Jesus hat gewiss den Auftrag seines Vaters im Himmel erfüllt. Er hat die Menschen durch seine Lebenshingabe wieder mit dem Himmel, mit Gott verbunden. Jesus hat dies nicht aus eigener Kraft geschafft, sondern am Ölberg die Kraft seines Vaters geschenkt bekommen. Ein Engel stärkte ihn. „Der Vater stützte ihn.“
Der Vater hatte an seinem Sohn „Gefallen gefunden“. Es ist sein „Erwählter“. Hier muss noch etwas dazu bedacht werden. Mit dem Gottesknecht wird an anderer Stelle ganz Israel bezeichnet. Israel ist der Erwählte, an ihm hat Gott sein Wohlgefallen. Von hier her ist zu verstehen, dass Israel das „auserwählte Volk“ genannt wird. Diese Auserwählung bleibt auch nach Jesu Tod und Auferstehung. Doch die eigentliche Erfüllung des Gottesknechtsliedes geschieht im Leben Jesu. Vielleicht denken wir, dass Jesus selbst ganz Gott ist, er solche Erwählung also nicht nötig hat. Der Prophet spricht im Hinblick auf das irdische Leben des Gottesknechtes. Auf Jesus übertragen heißt das, dass Jesus als wahrhaft ganzer Mensch alles vom Vater empfängt. Es heißt deshalb auch weiter: Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Wir hören, dass bei der Taufe Jesu der Geist gleich einer Taube auf Jesus herabkommt. Doch wir müssen den Text zuerst wieder nach dem alttestamentlichen Sinn fragen. Er sagt uns, dass die Geschichte der Menschen von Gott durch seinen Zeugen gelenkt wird. Hier muss ich einfach mein persönliches Empfinden ausdrücken. Ich habe immer den Eindruck, dass alles von uns Menschen gemacht und gelenkt wird. Wo ist da Gott?, so müsste ich immerzu fragen. Der Text aus dem Alten Testament verweist mich wieder auf diesen Gott, den es gibt. So sagt mir der Text. Er erwählt auch heute Menschen, die seine Botschaft weitertragen und die wissen, dass sie von Gott gerufen sind und von IHM gestützt werden, die wissen, dass sie nichts aus eigener Kraft tun können, sondern Gottes Geist ihre Kraft und Stärke ist.
Kehren wir wieder zum Gottesknecht zurück. Von ihm heißt es: Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Ich bin sicher, dass es im Volk Israel keinen Menschen gab, auf den diese Worte zutrafen, wie sie auf Jesus zutreffen. Auch wenn wir das Gottesknechtslied auf ganz Israel anwenden, finden wir keine Erfüllung dieser Worte. Erst von Jesus hören wir, wie er sagt: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Leben schenken. Jesus hat auf der Erde das „Recht Gottes“ wieder zur Geltung gebracht. Er hat sich eher das Leben nehmen lassen, als dass er anderen das Leben genommen hätte.
Der „Knecht“ hat sich seinen Auftrag nicht selbst genommen. Es ist der Auftrag seines Gottes. Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Und wieder drängen sich in mir Gedanken nach vorn. Der Gott, der den „Gottesknecht“ gerufen, ist auch mein Gott, ist auch der Gott unserer Kirche. Wenn er mich mit seiner Hand gefasst hat und ich mich nicht losreiße, kann mir nichts geschehen. Dies gilt gewiss für jeden Menschen; denn er hat alle geschaffen. Und jedem hat er eine Aufgabe zugedacht. Es bedarf des Glaubens. Nur für den, der an Gott glaubt, drücken diese Texte eine verbindliche Wirklichkeit aus, die es allerdings auch dann gibt, wenn ich nicht glaube. Den Gottesknecht (und damit kann jeder von uns gemeint sein) hat Gott dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien. Nach dem Lukasevangelium hat Jesus sich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens auf diese Worte berufen. Er ist gekommen, um die Menschen aus der Gefangenschaft Satans zu befreien und ihnen die Augen für das Gottesreich zu öffnen. Nachdem wir selbst „Befreite“ sind, haben wir den Auftrag, für andere heilend und helfend da zu sein. So kann, was damals vom Gottesknecht gesagt wurde, heute durch uns Wirklichkeit werden.
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