5. Sonntag der Osterzeit "C"
Johannes 13,31-35 In jener Zeit, als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen.
Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

Als Judas hinausgegangen war
Nach dem Johannesevangelium wird mit der Stunde, da Judas Jesus und die Jüngerschar verlässt, ein wichtiger Zeitabschnitt eingeleitet. Er ist zu vergleichen mit jenem, da Adam und Eva vom verbotenen Baum gegessen haben. Damals wurde es gleichsam Nacht um sie. Die Macht der Bosheit, der Teufel hatte gesiegt. Jetzt geht Judas wieder zu einer Stunde, da es Nacht ist, gemeint ist die Stunde der bösen Mächte, die Stunde des Teufels. Mit Adam und Eva begann die Macht des Bösen, jetzt wird der Böse entmachtet. Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht, sagt das Johannesevangelium. Es meint damit jenen Vorgang, da Jesus am Kreuz stirbt und dadurch die Menschen aus der Macht Satans befreit.
Bei Gott gibt es nur ein ewiges Heute. So kann Jesus sagen, jetzt ist der Menschensohn verherrlicht. Jesus sieht seine Hingabe am Kreuz schon als vollendet, obwohl er diese Stunde in dieser Welt noch durchzuleiden hat. Fortan gehören zu der Herrlichkeit des Menschensohnes sowohl die göttliche Herrlichkeit als auch das Leiden, der Kreuzestod und die Auferstehung. Und da der Menschensohn, Jesus, dieses irdische Leben im Gehorsam gegenüber seinem Vater auf sich genommen hat, ist auch der Vater in diesem liebenden Sterben verherrlicht; denn alles, was der Sohn hat, hat auch der Vater. Dieser schenkt dem Sohn wiederum alles: das göttliche und das menschliche Leben und Sterben zurück. Darum kann das Evangelium sagen, dass Gott ihn in sich verherrlichen wird.
Die selige Angela von Foligno, sie lebte Ende des 13. Jahrhunderts, hat etwas von dieser Herrlichkeit schauen dürfen. Sie sagt: "Ein ander Mal sprach Gott: "Ich will dir etwas von meiner Macht offenbaren. (Wir können für Macht auch Herrlichkeit einsetzen.) Und sofort wurden die Augen meiner Seele geöffnet und ich erblickte eine göttliche Fülle, in der ich die ganze Welt erfasste,, was jenseits und diesseits des Meeres ist und den Abgrund und das Meer selber und alles. ... Und ich begriff, dass die Welt mit allem, was jenseits und diesseits des Meeres ist, mit dem Abgrund und dem Meer selber und allem gleichsam eine Kleinigkeit sei, dass aber Gottes Macht (Herrlichkeit) alles übersteige und erfülle."
Angela berichtet weiter, dass sie durch diese Vision fähig geworden sei, etwas Weiteres um so besser zu verstehen, nämlich die Demut Gottes. Der Herr sagte: "Nun sieh meine Demut." "Da schaute ich eine so tiefe Erniedrigung Gottes zu den Menschen, dass die Seele in der Erkenntnis sowohl der Macht wie der tiefen Demut Gottes staunte und sich für überhaupt nichts mehr erachtete und sozusagen nichts mehr in sich erblickte außer Stolz." Zu dieser Demut sagt Angela an anderer Stelle: "Gott Vater war dieser Gefolgschaft (dem Lager auf dem Kreuz), dieser Armut, diesem Schmerz und Schimpf so zugetan, dass er sie seinem Sohne schenkte. Und der wollte immerfort in der Liebe und Zustimmung zu seinem Vater darin ruhen." Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, sagt Jesus. Zu seinem Leben gehören fortan die unaussprechliche Herrlichkeit, die er zuvor beim Vater hatte, und die tiefste Erniedrigung, die er um des Menschen willen auf sich genommen hat.
Jesus kehrt mit seinen Gedanken wieder in diese Welt zurück. Er ist in der Tat nur noch kurze Zeit so bei seinen Jüngern. "Meine Kinder", sagt er und drückt damit seine ganze Zärtlichkeit aus, mit der er sie liebt. Dennoch kann ihn nichts zurückhalten, den Weg, den er von seinem Vater aufgetragen bekommen hat, zu gehen. Er ist zwar nur noch kurze Zeit als Mensch gegenwärtig, dafür wird er durch seine Erniedrigung hindurch in anderer Weise bei ihnen sein. Er selbst ist fortan die Liebe und die Kraft der Jünger. So kann er ihnen auch ein neues Gebot geben: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
Es heißt für sie nicht nur: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, sondern liebe deinen Nächsten wie ich ihn liebe. Die Liebe des Herrn zu den Menschen, die Liebe, die der Herr durch seine Hingabe den Menschen schenkt, ist fortan der Maßstab für uns Christen. Es ist die Liebe, die die Erniedrigung auf sich nimmt. Es ist die Liebe, die ihren Ursprung in Gott Vater selbst hat. Er hat seinem Sohn den Auftrag gegeben, die Menschen wieder in seine göttliche Liebe hineinzuholen und dies über die Liebe selbst, nicht über Macht, Kampf und Unterdrückung. Es ist die Liebe, die am Kreuz dem Schächer das Paradies verheißt, und es ist die Liebe, die ihn für die, die ihn kreuzigen, den Vater um Vergebung bitten lässt. <
Eine solche Liebe geht weit über menschlichen Humanismus und menschliches Gutsein hinaus. Sie sollte das Zeichen christlichen Lebens sein. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt, sagt Jesus.
Wir haben einen großen Auftrag. Ihn können wir nur erfüllen, wenn wir fest an den Herrn gebunden, sein Leben in uns erfahren. Angela von Foligno betete: "Dich Gott, Geliebter, lobe ich, auf deinem Kreuze bette ich mich; als Kissen und Decke habe ich Dürftigkeit und als Lager zum Ruhm dient mir Schmerz und Verächtlichkeit." Sie hat den Herrn in seiner Größe und Demut erfahren, das war ihr sicher eine Hilfe, die Menschen zu lieben.
Wir haben oft zu wenig an Gotteserfahrung. Unser Leben ist mitunter geprägt von negativen frühkindlichen Lebensvorgängen. Diese können unser Leben mit dem Herrn stören. Wer an Gefühlen von Minderwertigsein leidet, hat es meist schwerer, offen und frei den Menschen zu begegnen. Doch dies alles entbindet uns nicht, von Gott die Liebe zu empfangen und sie an die Menschen weiterzugeben. So könnte es auch von uns heißen, wie es von den ersten Christen gesagt wurde: Seht, wie sie einander lieben.