Johannes 6,51-58
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich ißt, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot ißt, wird leben in Ewigkeit.
Wie mich der lebendige Vater gesandt hat
Es kann uns auffallen, daß Jesus von seinem Vater als dem lebendigen Vater spricht. Eigentlich ist es selbstverständlich, daß Gott-Vater lebt. Daß Jesus dennoch davon spricht, kann uns hellhörig machen. Wir haben oft vom Leben eine falsche Vorstellung. Ich dachte bisher, daß mein Leben ganz selbständig existiert und lebt. Wir sprechen ja auch von der Person, die wir sind. So konnte eine Frau in unserem Studienheim einst immer sagen: Ich bin Ich. Doch scheint mir inzwischen dieses Wort nur zur Hälfte richtig zu sein, denn Leben besteht gar nicht nur aus einem eigenen Sein, es besteht vielmehr aus Beziehungen. Ich meine sogar, daß mein Leben so sehr aus Beziehungen besteht, daß ich geradezu sagen kann: Leben ist Beziehung. Wenn wir in unser Leben hineinhören, dann entdecken wir kein Leben in sich, sondern immer nur geglückte oder nicht geglückte Beziehungen mit anderen Menschen. Je mehr wir geglückte Beziehungen erlebt haben oder erleben, um so mehr haben wir Leben.
Wenn daher Jesus von seinem Vater als dem lebendigen Vater spricht, so sagt er damit, daß es ein ewiges Leben geglückter Beziehung ist. Und daß es so ist, kann uns die Botschaft von der heiligsten Dreifaltigkeit sagen. Nun hat Gott-Vater diese seine Beziehung durch seinen Sohn uns Menschen angeboten. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich ißt, durch mich leben. Gott wollte die ewige Beziehung, die er zu seinem Sohn hat, nicht nur für sich behalten. Er hat sie uns in seinem Sohn angeboten und geschenkt. Jesus sagt von sich, daß er durch den Vater lebt. Obwohl er eine eigene göttliche Person ist, sagt er nicht wie jene Frau: Ich bin Ich, sondern sein Leben ist die ewige Beziehung zu seinem Vater. Nun hat er uns die Möglichkeit geschenkt, daß wir uns in diese ewige Beziehung hineinnehmen lassen, indem wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken.
Ich bin das lebendige Brot
Nach diesen Überlegungen sind die Worte des heutigen Evangeliums vielleicht besser zu verstehen. Jesus sagt: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben Er selbst hat sich hineingegeben in das eucharistische Brot, er, der mit seinem Leben die Beziehung schlechthin ist, nimmt einen jeden, der ihm glaubt und im Glauben ißt, mit in die Beziehung zu seinem Vater hinein. Wenn wir dies tun, haben wir Anteil am ewigen Leben, an der ewigen Beziehung zwischen Vater und Sohn, denn: Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm, sagt der Herr. Dieses In-ihm-Bleiben ist kein fester Bestand, den wir in der Taufe einmal geschenkt bekommen haben, sondern es ist gelebte Beziehung. Sie will immerzu erneuert und vertieft werden, so wie jede Beziehung unter uns Menschen gelebt werden muß, da sie sonst erstirbt. Mehr noch: jede Beziehung kann sich vertiefen. So können wir verstehen, daß der Tag der ersten heiligen Kommunion nur der Anfang der Beziehung durch die heilige Eucharistie ist. Wenn sie nicht weiter gepflegt wird, erstirbt sie gleichsam wieder.
Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch
Gott, der wußte, daß wir Menschen kein ewiges Leben haben und auch so im Leben miteinander nicht immer gute Beziehungen leben, ja uns gegenseitig die Beziehungen, das heißt, das Leben zerstören, macht einen neuen Anfang in seinem Sohn: Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt. Jesus hat sein Leben, sein Fleisch, hingegeben. Er hat Menschen, besonders diejenigen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren, zum Beispiel die von Aussatz behafteten Menschen, wieder in die menschlichen Beziehungen zurückgeholt. Er hat Menschen das Leben, das heißt, die Möglichkeit zu menschlichen Beziehungen geschenkt, indem er sie vom Stummsein oder Taubsein befreit hat. Der Herr hat uns Menschen sein Leben geschenkt bis zum Tod am Kreuz. Welt und Menschen haben eine neue Möglichkeit, Beziehungen zu leben, dem Bösen, der die Beziehungen zerstören will, zu widerstehen. Und dies nicht aus eigener Kraft, sondern indem wir sein Leben, sein Fleisch und Blut, die uns von Jesus darin hinterlassene Beziehung zu uns Menschen annehmen. Wir können darin in der Tat mit ihm selbst leben. Wir bekommen in diesem Lebensaustausch das ewige Leben. Wer dieses Brot ißt, wird leben in Ewigkeit.
Jesus ist das Angebot Gottes an uns Menschen, mit IHM in Beziehung zu kommen und zu leben. Darum kann er auf den Einwand der Juden sagen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht eßt und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Das Fleisch und das Blut Jesu Christi sind das personale Angebot des Vaters im Himmel an uns. Laßt es uns annehmen! Laßt uns immer tiefer die Beziehung erspüren, die uns darin ermöglicht ist! Je mehr wir darin geborgen sind, um so eher gelingen uns dann auch die menschlichen Beziehungen.
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