23. Sonntag im Jahreskreis "B"
Markus 7,31 - 37
In jener Zeit verließ Jesus das Gebiet von Tyrus und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt. Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, daß die Tauben hören und die Stummen sprechen.

Er hat alles gut gemacht
Fangen wir beim Evangelium von heute mit dem letzten Satz an. Er hat alles gut gemacht, sagten die Menschen. Dies hat einen Anklang an die Schöpfungsgeschichte. Gott sah, daß alles gut war, was er geschaffen hatte. Es war in der Tat eine große Harmonie zwischen Gott, dem Schöpfer, und der Schöpfung. Diese Harmonie ist durch die Sünde gestört worden. Darum kam Jesus in die Welt, um sich der Schöpfung und der Menschen anzunehmen. Er spricht von seinem Vater, mit dem er in Heiligen Geist in liebender Beziehung eins ist, und der uns Menschen in diese Liebesbeziehung mit hineinnehmen will. Dadurch bekamen wir Menschen tieferen Einblick in das göttliche Leben. Es war von Ewigkeit her ein Austausch der Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist. Deshalb konnte Gott den Menschen erschaffen als ein Wesen, das nur durch Beziehung Leben hat. und so kann der Mensch an diesem Austausch der Liebe teilnehmen. Dies ist das Ziel auch nach dem Sündenfall. Dieser Austausch der Liebe ist sowohl auf Gott wie auch auf den Menschen hin zu verstehen. Da wir Menschen als Abbild Gottes geschaffen sind, haben wir die Fähigkeit, miteinander zu leben und einander zu lieben. Dies konnte der Mensch im Paradies ungebrochen tun. Mit der ersten Sünde kamen Mühsal und Not, Krankheit und Tod in die Welt. Der Mensch konnte nicht mehr in ungebrochener Einheit mit Gott und anderen Menschen leben.
Heute lesen wir im Evangelium von einem Taubstummen. Der taubstumme Mensch konnte nicht am vollen Austausch menschlichen Lebens und menschlicher Liebe teilnehmen. Er konnte nicht hören, was ein anderer zu ihm sagte. Darum konnte er auch nicht sprechen und sein Leben als Antwort mitteilen. Jesus schenkt ihm die Möglichkeit, ganz am zwischenmenschlichen Leben und der Liebe teilzunehmen. Der Herr hat ihm geschenkt, wie der Mensch in der Schöpfungsordnung von Gott gedacht ist. Darum können die Menschen sagen: Er hat alles gut gemacht.
Warum aber, so können wir fragen, verbietet Jesus ihnen, dies weiterzusagen? Der Evangelist Markus weist damit auf den Kreuzestod hin. Durch die wunderbaren Heilungen könnte der Eindruck entstehen, daß Jesus auf diese Weise die Welt und die Menschheit heil machen will. Doch die wirkliche Heilung geschieht erst durch seinen Kreuzestod. Der Mensch, dessen erste Sünde der Stolz, das Selbstsein-Wollen-wie-Gott war, hat sich nicht geändert. Vielfach versuchen wir, einander zu unterdrücken, sind wir für einander mehr Kreuz als Liebe. Dies hat Jesus alles auf sich genommen. Er hat sich an das Kreuz schlagen lassen. Das wird wiederum vielen Menschen zum Ärgernis, denn einen solchen Erlöser verstehen sie nicht. Für den, der glaubt, liegt hier die Kraft Gottes. Wer sich in Liebe von anderen gleichsam kreuzigen läßt, wer nicht zurückschlägt, wenn er geschlagen wird, trägt mit dem Herrn zur Heilung von Mensch und Welt bei. So hat zum Beispiel jene Frau recht, wenn sie bei ihrem Mann bleibt, obwohl für sie das Leben mit ihm fast unerträglich ist. Im Glauben kann sie so das Kreuz als Heilung für den Menschen annehmen, andernfalls ist sie Werkzeug der zerstörerischen Macht unter uns Menschen.

Man brachte einen Taubstummen zu Jesus
Dies ist allerdings nicht so leicht zu verstehen und erst recht nicht zu leben. Darum müssen auch wir zuerst vom Herrn geheilt werden. Wir haben die Möglichkeit, einander dabei zu helfen. Es heißt im Evangelium: Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Die anderen Menschen bringen den Taubstummen zu Jesus, und sie bitten den Herrn für ihn. Wir können im Glauben einander immer wieder zu Jesus bringen und ihn bitten, daß er auch uns berühre. Nun kann es sein, daß Jesus mit uns genau so umgehen möchte wie mit dem Taubstummen. Er nimmt ihn beiseite, von der Menge weg. Wir müssen uns auf ihn einlassen, müssen an uns geschehen lassen, was er mit uns vorhat. Damals, so heißt es, legte Jesus ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich! Das Seufzen des Herrn können wir als Einblick in die Not der Menschen und der Schöpfung deuten. Er sah den Zustand des Menschen, der sich aus der Sünde entwickelt hat. Der Herr wird an uns kein solch äußeres Zeichen wirken, dennoch könnte es zum Beispiel sein, daß er für uns eine Krankheit zuläßt, die uns die Möglichkeit gibt, mehr und besser auf ihn zu hören. Es heißt von dem geheilten Taubstummen: Er konnte richtig reden. Das kann für uns heißen, daß wir uns immer zuerst die Heilung schenken lasse müssen, um richtig reden zu können. Da unser Leben unter der Sünde leidet, ist es einfach notwendig, daß wir die Heilung geschenkt bekommen. Als geheilte Menschen tragen wir die Möglichkeit in uns, miteinander zu leben und einander zu lieben. Hier scheint die große Bedeutung christlichen Lebens auf. Wir tragen als Menschen, die durch den Kreuzestod geheilt sind, die Möglichkeit in uns, richtig zu reden können. Und dort, wo dies nicht angenommen wird, sollten wir eher mit dem Herrn das Kreuz tragen als nach weltlicher Art zu kämpfen.
Er hat alles gut gemacht. Er hat auch unser Leben schon in der Taufe gut gemacht. Laßt uns IHM glauben, laßt uns auf IHN hören und laßt uns dann richtig reden.