5. Sonntag der Fastenzeit
GABENGEBET
Erhöre uns, allmächtiger Gott.
Du hast uns durch dein Wort
zum Zeugnis eines christlichen Lebens berufen.
Reinige uns durch dieses Opfer
und stärke uns zum Kampf gegen das Böse.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Erhöre uns, allmächtiger Gott.
Als ich die Überschrift niederschrieb, überfiel mich zum ersten Mal ein wenig Entsetzen. Es kam mir vermessen vor, dass ich Gott um Erhörung anrufe. Dazu fiel mir ein Geschehen aus dem Evangelium ein, das uns der Evangelist Lukas überliefert hat. Als Maria, die vom Heiligen Geist empfangen hatte, zu ihrer Base Elisabeth kam, sagte diese: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Wer bin ich, so könnte ich mich fragen, dass ich den allmächtigen Gott um Erhörung anrufen darf? Wer bin ich, dass ich täglich, mitunter ohne viel zu denken, meine Gebete verrichte? Wie oft erfüllt sich bei mir das Wort, das schon der Prophet Jesaja gesagt hat und das Jesus wiederholte: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz aber ist weit weg von mir“ (Mt 15,8). Und der gleiche Evangelist gibt auch den Grund an. Er schreibt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21). Dass dies so ist, das können wir im täglichen Leben erkennen und erfahren. Menschen, die einander lieben, sind in ihren Herzen immer beieinander, selbst wenn sie für Stunden oder Tage getrennt sind. Auf unser Leben mit Gott übertragen, heißt das, dass wir mitunter – und ich könnte von mir sagen: fast immer – durch die tägliche Arbeit und die Sorgen von Gott abgelenkt werden. Wir sind mehr bei uns selbst als bei Gott. Ich habe in den Vorlesungen der Theologie gehört, dass wir dennoch das Beten nicht aufgeben sollen, die Hauptsache sei, dass wir beten möchten. Es scheint das Wichtigste zu sein, dass wir an unseren allmächtigen Gott glauben. Glauben heißt immer, dass unser Gott ein verborgener Gott ist. Mit ihm können wir nur im Glauben sprechen. Wenn er sich uns ganz offenbaren würde, müssten wir sterben; denn wir könnten es nicht aushalten. Doch darüber, dass ich nur im Glauben mit Gott leben kann, kommt die Not oder Schwierigkeit, dass ich von der Allmacht Gottes nur vom Hörensagen weiß. Was mich jedoch nicht vom Glauben an Gott entbindet.
Der Johannesevangelist schreibt in seinem Prolog zum Evangelium, dass das „Wort Fleisch geworden ist“. Er meint mit „Wort“ den Sohn Gottes, Jesus. Er ist das ausgesprochene Wort des Vaters. Wenn wir Menschen einem Mitmenschen ein gutes Wort sagen, schenken wir ihm ein Stück von unserem Leben. Worte sind Lebensträger. Böse Worte sind Vernichter des Lebens. Wir können in unseren guten Worten immer nur etwas von unserem Leben schenken. Gott Vater hat uns durch sein „Wort“ sein ganzes Leben geschenkt. Und dieses Leben ist auch ganz eines von uns Menschen geworden. Der Evangelist schreibt, dass das „Wort“ „sarx egeneto“, „Fleisch“ geworden ist. Wir kennen vielleicht das Wort vom „sarkischen Menschen“. Wir meinen damit einen Menschen, der meist nur „fleischlich“ denkt und spricht. Der Evangelist will damit sagen, dass Jesus wirklich ganz Mensch war. Als er dies niederschrieb, gab es Irrlehrer, die behaupteten, dass Jesus nur einen Scheinleib gehabt habe, also gar nicht ganz Mensch war.
Nun beten wir: „Gott, du hast uns durch dein Wort zum Zeugnis eines christlichen Lebens berufen.“ Wir können das „Wort“ im zweifachen Sinn verstehen, einmal als „Wort“, das Jesus meint, und zum anderen als „Wort“, das wir hören können. Wir kennen Jesus nur durch das Wort, das wir gehört oder gelesen haben: Worte, die uns von Jesus und über Jesus durch die Evangelisten berichten. Durch Jesus selbst wurden die ersten Jünger berufen. Sie überlieferten uns die Botschaft, die Jesus Christus uns von seinem Vater im Himmel gebracht hat. Durch dieses „Wort“ – es kann Jesus selbst oder und seine Botschaft gemeint sein – hat er uns als seine Kinder berufen und beruft immerzu durch sein „Wort“ neue Kinder. Blicken wir noch zuerst in die Familie. Kinder geben Zeugnis von ihren Eltern und von denen, die mit ihnen heranwachsen. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, heißt ein Sprichwort. Gewiss, es gibt auch Ausnahmen, denn Ausnahmen bestätigen die Regel, doch oft lässt sich von den Kindern auf die Eltern schließen.
Nun beten wir, dass wir durch das „Wort“ zu einem Zeugnis christlichen Lebens berufen wurden. Wir Menschen sind keine reinen Geister, darum erfahren wir immer durch das Wort der Generation, die vor uns lebt oder gelebt hat, das „Wort zu einem Zeugnis christlichen Lebens“. Dabei ist zu bedenken, dass das Wort nicht immer eindeutig überliefert ist. Schon in den Evangelien sind Worte verschiedenster Art enthalten. Die Exegeten sagen, man dürfe nie ein Wort aus dem Evangelium für sich allein und absolut sehen. Wir müssten immer die Evangelienworte im Zusammenhang mit anderen lesen und verstehen lernen. Wenn wir das nicht tun, können wir leicht einer einzigen Richtung verfallen, wie es uns die verschiedenen Religionsgemeinschaften aufzeigen. Wir können auch noch bedenken, dass wir unser christliches Leben auch von Vorbildern übernehmen. Ich meine schon Schiller hat beobachtet: „Wie er räuspert, wie er spuckt, hat er ihm trefflich abgeguckt“. So hat unser christliches Leben mehrere, wenn nicht sogar viele Wurzeln. Sie alle haben ihren Grund in Gott selbst, doch Gott handelt durch uns Menschen. So ist es gut, dass wir Gott bitten, er möge „uns durch dieses Opfer reinigen“, damit wir nicht vom „Bösen“ verführt, unseren Weg mit Gott verlassen, sondern ihm anhangen. Das Gebet erkennt den Kampf an, der sich in uns zwischen Gut und Böse abspielen kann. Wobei der Kampf sich nicht zuerst im äußeren Leben des Menschen vollziehen muss, er vollzieht sich meist im Innersten unseres Herzens. – Möge der Herr uns wachsam sein lassen und uns die Kraft schenken, dem Bösen zu widerstehen!