4. Sonntag der Adventszeit "C"
1.Thessalonicherbrief 3,12-4,2
Schwestern und Brüder!
Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt.
Im übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müßt, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Ihr wißt ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.

Wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt.
Mit dem heutigen ersten Adventssonntag beginnen wir ein neues liturgisches Kirchenjahr. Die zweite Lesung der vier Adventssonntage ist nicht aus dem gleichen biblischen Buch. Offensichtlich wurde bei der Auswahl der Texte auf das Thema „Wiederkunft des Herrn“ geachtet. Heute, am ersten Adventssonntag, hören wir ein Wort aus dem ersten Thessalonicherbrief. Der erste Thessalonicherbrief ist das älteste uns erhaltene Schreiben des Apostels Paulus. Darin kommt zum Ausdruck, dass der Apostel zu seinen Lebzeiten mit der Wiederkunft des Herrn gerechnet hat. So wundert nicht, dass auch in dem Text, den wir heute hören, von der Wiederkunft des Herrn die Rede ist. Der Apostel möchte, dass seine Christengemeinden nicht unvorbereitet von diesem Tag überrascht werden.
Der Apostel schreibt der Gemeinde zu Thessalonich: Der Herr lasse euch wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen. Die Gemeinde war keine Großgemeinde, wie wir sie heute haben. Es war eine kleine Zahl von Christen verschiedener Nationalitäten, die sich auf das Wort des Apostels hin bekehrt hatten. Darunter befanden sich gewiss arme und reiche Leute. Sie alle wurden durch den Glauben an Jesus Christus zusammengehalten. Dieser Glaube war zugleich die Möglichkeit, dass der Herr in ihnen Wohnung nehmen und ihr Leben mit seiner Liebe füllen konnte. Der Apostel bittet den Herrn, er möge die Christen zu Thessalonich wachsen und reich werden lassen in der Liebe zueinander. Wir Menschen sprechen viel von der Liebe, doch sie ist zugleich unsere große Not. Wenn ich mir vorstelle, wie zur Zeit des heiligen Paulus die kleinen Christengemeinden ausgesehen haben, dann ist es wirklich ein Wunder, dass diese Menschen einander angenommen haben. Es gab Schwierigkeiten untereinander, darum bittet der Apostel den Herrn, dass er ihre Liebe wachsen lasse. Die Liebe kann Gegensätze und Standesdenken überwinden. Wir haben aus jüngster Zeit das leuchtende Beispiel der Mutter Theresa. Sie war offensichtlich eine große liebende Frau, die durch ihre Liebe zu den ärmsten Menschen in ihrer Liebe immer reicher geworden ist. Es ist, als würde die Liebe, wenn sie verschenkt wird, sich vermehren. So ist zu verstehen, dass der Apostel für seine Christen um diese Liebe und diesen Reichtum betet. Je mehr sie einander die Liebe schenken, um so größer wird der Reichtum ihrer Liebe. Der heilige Paulus muss dies selbst erfahren haben. Er liebt die Christen zu Thessalonich. Sie sind ihm ans Herz gewachsen und wurden sein Reichtum vor dem Herrn. Darüber hinaus möchte der Apostel, dass sich die Christen seiner Gemeinde nicht nur untereinander lieben, sondern auch in dieser Liebe offen bleiben für alle Menschen. Es scheint mir fast wie ein Idealbild, das hier entworfen wird. Wenn ich an unsere Gemeinden und Gemeinschaften denke, scheinen wir weit hinter ihm zurück zu bleiben. Auch die kleinste Gemeinschaft, die christliche Familie, ist immer wieder von Zwiespalt und Trennung bedroht. Es ist ein Wunder, dass die Liebe seit der Erschaffung des Menschen nicht untergegangen ist und untergeht, im Gegenteil, sie blüht immer wieder aufs neue auf. Dem Apostel geht es in dieser Liebe um die selbstlose Liebe, die uns der Herr vorgelebt und geschenkt hat. Als erlöste Menschen können die Christen dem Herrn in der Liebe immer ähnlicher werden. Darum schreibt der Apostel: Damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt. Im Glauben haben sie sich dem Herrn angeschlossen. In der Liebe können sie ihm gleichgestaltet werden. Je mehr die Liebe des Herrn sie umwandelt, um so mehr werden sie geheiligt vor Gott sein, wenn der Herr wiederkommt. Hier klingt das Thema des Advents an. Der Herr wird eines Tages kommen, und dann wird er an mir feststellen, ob die Liebe mich in IHN verwandelt hat. Während ich dies schreibe, wühlen viele Gedanken und Fragen mein Innerstes auf. Mein Lehrer der Moraltheologie erzählte in der Vorlesung ein Beispiel. Eine Frau habe auf ihrem Sterbebett gesagt, das Schlimmste in ihrem Leben sei, dass sie nie geliebt habe. Wie ist es aber, wenn ich keine Liebe empfangen habe? Kann die Gottesliebe mein Herz füllen? Wenn ja, wie geht das vor sich? Ich muss noch weiter zurückdenken. Wer hat mich die Liebe zum Nächsten gelehrt? War nicht der Grundsatz maßgebend: Wie du mir, so ich dir? Ich muss gestehen, vieles lernen wir Menschen von unserer Umwelt. Dabei scheint mir die selbstlose Liebe wieder ein Wunder zu sein; denn die Umwelt ist meist egoistisch, dennoch obsiegt die Liebe immerzu. Gott verlässt offensichtlich die Menschen nie.
Eine Möglichkeit, in der Liebe wachsen zu können, ist das Gebet. Darauf baut auch der Apostel, wenn er sagt: Im übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müßt, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Ihr wißt ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben. Er mahnt im Namen Jesu. Im Auftrag des Herrn hat er ihnen gesagt, wie sie leben sollen. Er hat sie damit an den Herrn verwiesen oder an den Herrn gebunden. Wir sind vor allem im Gebet an den Herrn gebunden. Im Gebet kann der Herr uns seine Liebe schenken. Diese muss sich oft durch seelische Schmerzen hindurch den Weg in unser Herz suchen. Wir sollten diese Schmerzen ertragen, damit der Herr, wenn er wiederkommt, Liebe in uns findet.