Sonntag nach Weihnachten "A"
Kolosser 3,12-21
Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade. Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!
Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt Ihr Männer, liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie! Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.

Ihr seid von Gott geliebt
In diesem Jahr fällt der erste Sonntag nach Weihnachten auf das Fest des heiligen Stephanus. Er ist der erste Christ, der dem Leben Jesu Christi bis in den Tod gleich geworden ist. Er wusste sich von Gott geliebt, darum konnte er für ihn sein Leben hingeben. Der Verfasser des Kolosserbriefes sagt den Christen, dass sie alle von Gott geliebt und seine „auserwählten Heiligen“ sind. Darum sind sie alle zu einem Leben berufen, das sich für den Herrn einsetzen und für die Menschen hingeben soll. Das heißt nicht, dass alle den Martertod sterben müssen. Es gibt auch ein unblutiges Martyrium. Dies könnte für den einen oder anderen entstehen, wenn er die Mahnungen des Textes, den wir heute haben, in seinem Leben ernst nehmen möchte. Zum besseren Verständnis sei angemerkt, dass im Kolosserbrief die Zeilen vor unserem Text davon sprechen, dass es keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen (Heiden), Sklaven und Freien gebe. Sie alle seien „einer in Christus“. Einer Gemeinde, die aus so verschiedenen Menschen zusammengewürfelt ist, werden die Worte, die wir heute haben, geschrieben. Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Was den Christen damals gegolten hat, gilt heute uns. So sind wir „auserwählt“ und „heilig“ gemacht worden, indem unser Leben in der Taufe Anteil am Leben Jesu Christi, des „Heiligen“ schlechthin, bekommen hat. Wir gehören zu den „auserwählten Heiligen“. Meist wird dies unser Leben wenig bewegen. Wir sind als Kind getauft worden und wurden später belehrt, nun entsprechend leben zu sollen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, in der Taufe ein besonderes Geschenk bekommen zu haben oder von nun an zum auserwählten Volk der Heiligen zu gehören. Eigentlich wird mir dies erst jetzt bewusst, da ich davon schreibe. Zu den „auserwählten Heiligen“ zu gehören, darf mich nicht stolz machen, auch ist es kein Grund, mich über andere, zum Beispiel Nichtchristen, zu erheben. Im Gegenteil: ich bin mir bewusst, wie weit ich von einem Leben, das dieser „Auserwählung“ entspricht, entfernt bin.
Der Verfasser zählt Verhaltensweisen auf, die der „Auserwählung“ entsprechen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Ich beginne mit der letzten Aussage. Wir sollen einander vergeben, wie der Herr uns vergeben hat. Der Herr hat uns in der Taufe sein Leben geschenkt und unsere Gottferne von uns genommen. Wir sagen, er hat die Erbschuld getilgt. Zudem hat er uns schon oft wieder angenommen, wenn wir uns durch die Sünde von ihm getrennt hatten. Das ist Grund genug, auch dem Mitmenschen zu vergeben. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass uns die Vergebung des Herrn meist nicht als Geschenk des Lebens bewusst wird. Im menschlichen Zusammenleben kann ich erfahren, wenn ein anderer mir von Herzen vergibt, und darüber habe ich dann wieder selbst Leben, um vergeben zu können; denn wer kein Leben hat, kann auch keines verschenken. Diesen Grundsatz möchte ich auch auf den anderen Text anwenden. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ich greife einige Worte heraus. Im griechischen Urtext heißt Geduld „makrothymia“. Das Wort ist aus zwei Worten zusammengesetzt, aus „groß“ und aus „Leben“. Wer „großes Leben“, oder anders ausgedrückt „viel Leben“ hat, der kann Geduld haben. Er braucht sich nicht ängstlich für sein Leben einzusetzen. Ich vergleiche das immer mit einem Eimer Wasser. Wenn er ganz voll ist, wird er sich nicht darüber aufregen, wenn ein Steinchen hineinfällt. Auf das wenige Wasser, das durch den Stein herausfließt, kann der Eimer verzichten. Wenn jedoch in einen Fingerhut voll Wasser das gleiche Steinchen fällt, wird dieser nicht mehr viel Wasser in sich haben. Er hat Grund sich aufzuregen. Das Beispiel soll uns zu verstehen helfen, dass wir viel Leben brauchen, um solche Mahnung, wie sie der Verfasser hier gibt, umsetzen zu können. Er spricht zum Beispiel auch von der Demut. Im griechischen Text steht dafür- gleich übersetzt- „niedrig denken“. Das fällt dem Menschen nicht leicht, denn von Kind an strebt das Leben des Menschen nach Anerkennung und danach, „größer“ zu sein als der Mitmensch. Ich kann also nur „niedrig von mir denken“, wenn ich genügend Leben habe. Wenn ich zu wenig Leben habe und demütig sein möchte, führt es oft zu Verkrampfung. Dies habe ich selbst erfahren. Nun bleibt die Frage: Wie komme ich an das Leben? Im Glauben kann ich dem Herrn in den Worten der Heiligen Schrift und in den Sakramenten begegnen. Für diese Begegnung kann der Mensch offener sein, der in der Beziehung zu seinen Mitmenschen Leben geschenkt bekommen hat. Gott ist zwar nicht daran gebunden, doch er nimmt uns Menschen ernst. Gottes Sohn ist ganz Mensch geworden. Auch er bedurfte mitmenschlicher Begegnung. Maria und Josef haben ihm gewiss viel Liebe geschenkt und in ihm einen guten Grundstock für sein Leben mitgegeben. Der Verfasser greift nochmals auf die Liebe zurück. Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. Wiederum lässt sich sagen: es kann nur der Liebe schenken, der Liebe hat. Die Christen sollten, so lässt sich annehmen, durch die Begegnung mit dem Herrn Liebe bekommen, damit sie einander Liebe schenken können. Der Alltag lehrt uns, dass auch wir Christen nicht immer liebevoll miteinander umgehen. Die Herzen sind oft leer und voller Kampf für das eigene Ich; dennoch bleibt der Anspruch: denn die Liebe geht mit uns in die Ewigkeit. Sie gibt auch in der Familie zwischen Mann und Frau und Eltern und Kinder das Leben.