Philipperbrief 4,4-7
Schwestern und Brüder!
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!
Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe.
Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!
Zu diesem Text fällt mir immer eine kleine Begebenheit aus meiner Zeit als Kaplan ein. Damals hatten wir Priester noch Religionsunterricht in der Grund- und Hauptschule. Eines Tages kam ich in der Pause in das „Lehrerzimmer“. Dort saßen Lehrerinnen und Lehrer zusammen. Ich musste wohl ein ernstes Gesicht gemacht haben; denn die Rektorin sagte zu mir: „Herr Kaplan, lachen sie doch mal.“ Ich antwortete: „Es kommt nicht auf das äußere Lachen an. Meine Freude ist innerlich.“ Ob ich diese Freude damals wirklich empfunden habe, möchte ich heute bezweifeln. Mir scheint, die Ermahnung, die das Wort des Apostels an seine Christen zu Philippi ausdrückt, spricht dafür.
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Der Schlüssel zu der Freude, die der Apostel meint, ist der Glaube, dass der Herr nahe ist. Es ist der Glaube, dass das Leben eine Zukunft hat, eine Zukunft im Herrn. Der Herr wird wiederkommen und Welt und Menschheit vollenden. Ich frage mich, woher der Apostel Paulus diesen Glauben hat, war er doch bei der Himmelfahrt des Herrn nicht dabei. Ob er die Botschaft von den anderen Aposteln gehört hat? Oder, ob ihm in seinem Erlebnis vor Damaskus auch dieses klar geworden ist? Offensichtlich wurde ihm bewusst, dass der auferstandene Herr nicht sein Leben hingegeben und dann die Welt sich selbst überlassen hat. Er, der Herr, ist ein Teil dieser Welt geworden, darum wird er sich auch dieser Welt annehmen.
Der Herr ist nahe, schreibt der Apostel. Diese Nähe können wir als das Ende der Zeiten verstehen. Vielleicht hat der Apostel Paulus dies auch so gemeint. Er war der Überzeugung, dass der „Jüngste Tag“, der Tag des Herrn, nicht lange auf sich warten lässt. Inzwischen wissen wir, dass zweitausend Jahre vergangen sind, ohne dass der Herr in Herrlichkeit wiedergekommen ist. Doch wir können dieses Wort auch noch in einem weiteren Sinn verstehen. Der Herr ist einem jeden Menschen immer nahe. Da Jesus Mensch geworden ist, weiß er um unsere Lebensnöte, er weiß um die letzte große Not, die ein jeder Mensch durchzustehen hat: den Tod. In allen Situationen unseres Lebens möchte der Herr uns nahe sein. Es liegt an uns, ob wir diesen Glauben in uns tragen. Wenn wir dies bedenken, können wir den Apostel, der zur Freude ermuntert, vielleicht besser verstehen.
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Es geht nicht um eine nur innerweltliche Freude, sondern um die „Freude im Herrn“. Paulus wusste, das hat er selbst erfahren, dass der auferstandene Herr in den Christen gegenwärtig ist, dass die Christen in innigster Gemeinschaft mit dem Herrn leben können. Der Apostel glaubt daran, dass seine Christen, so wie er, sich über diese und in dieser Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus freuen können. Wir können die Worte, die der Apostel den Christen zu Philippi schreibt, am besten verstehen, wenn wir darin das Leben des heiligen Paulus selbst betrachten. Ihm war eine außerordentliche Bekehrung geschenkt worden. Er hat den Herrn erfahren und erlebt. Die Botschaft von Jesus Christus, die er früher ausrotten wollte, indem er die Christen verfolgte, wurde für ihn zum Leben. Wenn er von Jesus Christus sprach, vermittelte er nicht nur Wissen über den Herrn, sondern er sprach von seinem Leben mit ihm, der sein Lebensinhalt geworden war und der ihm „Freude“ schenkte. Ob er Entbehrungen oder Verfolgungen durchstehen musste, die Freude, mit dem Herrn zu leben, konnte ihm keiner nehmen. Von dieser Freude spricht er zu den Christen. Sie, die im Glauben die Botschaft von Jesus Christus angenommen hatten, haben allen Grund, sich ebenso zu freuen; denn der Herr ist auch ihr Leben, das ihnen niemand nehmen kann.
Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe.
Solange ein Mensch Freude hat und froh ist, fällt ihm das Gutsein meist nicht schwer. Wenn unser Leben bedrückt ist, gelingt es uns oft nicht, dem Nächsten noch Güte zu schenken. Der Apostel entwirft ein Idealbild seiner Gemeinde. Sie, die erlöst sind, die die Freude des Herrn in sich tragen, sollen die Güte einander schenken, auf dass so die Botschaft von ihrer Freude und ihrem Gutsein den Menschen bekannt wird. Ich denke nochmals an die Begegnung im Lehrerzimmer. Wenn ich von der inneren Freude erfüllt gewesen wäre, hätte dies auch nach außen sichtbar werden müssen. Wir Menschen tragen alle unsere Vergangenheit in uns. Der eine hat eine frohe, lichtvolle Vergangenheit, der andere eine traurige, dunkle. Keiner hat sich die frühe Vergangenheit der Jugend selbst ausgewählt. Doch keiner braucht zu verzagen. Der Herr ist für alle Mensch geworden. Er möchte uns Halt und Zuversicht in den Nöten unseres Lebens sein. So schreibt der Apostel: Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Der Apostel weiß sein Leben in Gott geborgen und dies glaubt er auch für seine Christen, darum können und sollen sie ihre Bitten mit großem Vertrauen zu Gott bringen und ihm zugleich danken für sein Dasein und seine Hilfe. Nun, so manch einer hat schon erlebt, dass er Gott in irgendeiner Not angefleht hat und nicht erhört worden ist. Das sollte uns in unserem Glauben und Vertrauen nicht wankend machen. Vielleicht wusste der Apostel auch schon darum; denn er wünscht seinen Christen in all dem den Frieden: der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren. Dieser Friede sei auch uns allen geschenkt!
P. Wendelin Reisch ofm
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