1. Korinther 10,1-6.10-12
Ihr sollt wissen, Brüder und Schwestern, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer. Alle aßen auch die gleiche gottgeschenkte Speise, und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem lebensspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen; denn er ließ sie in der Wüste umkommen. Das aber geschah als warnendes Beispiel für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach dem Bösen beherrschen lassen, wie jene sich von der Gier beherrschen ließen. Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Verderber umgebracht. Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht hat. Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt.
Wer zu stehen meint, der gebe acht, daß er nicht fällt.
Die Kirche, die uns heute den Text aus dem ersten Korintherbrief vorgibt, hat ihn im Hinblick auf die Österliche Bußzeit ausgewählt. In dieser Zeit sollen wir unser Leben besonders dem Wort Gottes öffnen Darum mutet sie uns auch schwierigere Texte zu; denn das Wort Gottes ist uns zur „Warnung“ und zur „Ermutigung“ aufgeschrieben. Um den heutigen Text recht verstehen zu können, müssen wir bedenken, dass der Apostel Paulus als gelehrter Jude die Geschichte seines Volkes kannte, die im Alten Testament niedergeschrieben ist. Zugleich wusste er aber auch um die Schwierigkeiten der ersten Christen zu Korinth, von denen einige in der Annahme lebten, der Empfang der Sakramente sicherten ihnen ohne jedes weitere Dazutun das ewige Heil. Zum Beispiel glaubte der Getaufte, allein deshalb gerettet zu sein, weil er getauft war. Diese irrige Annahme wird in der Theologie als „Sakramentalismus“ bezeichnet. Des weiteren: Der Apostel sieht die Geschichte des Volkes Israel mit all denen verbunden, die auf das Wort Jesu hören und IHM nachfolgen. Was im Alten Bund, im Volk Israel, geschah, ist „typisch“ für den Neuen Bund, für die Christen. In der Theologie wird von „Typologie“ gesprochen. Und noch eine weitere Redeform wendet der Apostel in dem Text an: die „Allegorie“. Sie kann mit „Sinnbild“ oder „Gleichnis“ übersetzt werden.
Nun zum Text: Ihr sollt wissen, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer. In Jesus Christus haben Christen und Juden die gleiche Abstammung, darum kann der Apostel Paulus von „unseren Vätern“ sprechen. Ein Typos für die Taufe der Christen ist der Durchzug des israelitischen Volkes durch das Rote Meer. Was sich im Vorausbild ereignete, wird letzte Wirklichkeit in der Taufe. Was sich damals am Volk des Alten Bundes vollzog, vollzieht sich in einer viel tieferen Weise bei der Taufe der Christen. Diese ermöglicht die Rettung des Lebens vom ewigen Tod. In der Osternacht wird darum vor der Tauferneuerung immer die Lesung vom Durchzug durch das Rote Meer gelesen. Ein solches „Vorausbild“ sieht der Apostel auch in der Speisung des Volkes Israel mit Manna und mit dem Trank aus dem Felsen. Alle aßen auch die gleiche gottgeschenkte Speise, und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem lebensspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. Paulus denkt wiederum von der Eucharistie, vom Abendmahl, her. So wie damals alle Israeliten das Manna aßen, so essen die Christen den Leib des Herrn. Und wie damals die Israeliten vom Wasser tranken, das Mose aus dem Felsen schlug, so trinken die Christen aus dem Kelch des Herrn. In der Aussage: Sie tranken aus dem lebensspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus, haben wir eine „allegorische“ Deutung. Der Fels ist das Gleichnis für Christus. Der „Felsen“ stellt Christus dar. Nach einer jüdischen Legende soll dieser Fels mit dem Volk durch die Wüste mitgezogen sein.
Nun kommt der Apostel darauf zu sprechen, warum er den Christen zu Korinth dies schreibt. Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen; denn er ließ sie in der Wüste umkommen. Das aber geschah als warnendes Beispiel für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach dem Bösen beherrschen lassen, wie jene sich von der Gier beherrschen ließen. Viele aus dem Volk Israel hatten sich auf dem Zug durch die Wüste von Gott abgewandt. Dafür hat Gott sie gestraft. Er ließ sie in der Wüste umkommen, noch ehe sie in das „Gelobte Land“ kamen. Wieder andere „murrten“ gegen Gott. Sie waren der Speise und des Wanderns überdrüssig. Warum, so sagten sie, sind wir nicht bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben. Darum schreibt der Apostel: Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Verderber umgebracht. Wegen ihres Murrens wurden sie aus dem Volke ausgetilgt. Dies alles, schreibt der Apostel, ist den späteren Generationen zur Warnung aufgeschrieben. Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht hat. Die Warnung soll die Christen zu Korinth aufrütteln. Einige meinten, wer getauft sei und am Herrenmahl teilnehme, gehöre zum Herrn. Wie der Christ lebe, sei dann nicht mehr so wichtig. Ihnen wird gesagt, dass es sehr wohl auf das Leben ankommt. Allein die Zugehörigkeit zum Volk des Neuen Bundes bewahrt nicht vor dem Verderben. Der Christ ist zu einem Leben aus dem Glauben berufen. Anders ausgedrückt: Es gibt keine Sicherheit, ewiges Leben zu erlangen. Sie kann nur von Gott erwartet werden. Die Sakramente sind für uns Gaben, die uns im Leben mit dem Herrn stärken möchten. Mehr noch: Sie sind selbst lebendige Beziehung mit dem Herrn, die unser Leben verändert. Je mehr wir diese Beziehung in uns aufnehmen, um so sicherer sind wir vor dem Fall. Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt, schreibt der Apostel.
Ich möchte noch einer Frage nachgehen, die mich bedrängt. Ich habe den Eindruck, dass ich mein Leben „punktuell“ verstehe. Der Apostel Paulus sagt, dass Gott ein Gott der Geschichte ist. Aus der Geschichte Israels hat der Apostel Gottes Handeln abgelesen. Daraus hat er die „Warnung“ für seine Christen entnommen. Nun hat Gott nicht nur damals gehandelt, er ist immer der Handelnde. So ist die Geschichte der Kirche die Geschichte Gottes mit den Menschen. Wir sollten versuchen, aus ihr Gottes Handeln als „Warnung“ oder als „Ansporn“ zu entdecken. Jedenfalls lebe ich in der Geschichte der Kirche, und ich bin selbst ein Teil der Geschichte Gottes mit der Kirche.
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