Weihnachten "C"
Hebräer 1,1-6
Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt. Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein? Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.

Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen
Für uns Christen ist Weihnachten meist von der Kindheitsgeschichte des Lukasevangeliums geprägt. Im Gegensatz dazu empfand ich die Texte der dritten heiligen Messe vom ersten Weihnachtstag, deren Lesungen aus dem Johannesevangelium und dem Hebräerbrief genommen sind, oft als theologisch abstrakt. Da ich mich jetzt aber mit der zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief befasse, scheint mir dies gar nicht der Fall zu sein. Ich stelle fest, dass der Text aus dem Hebräerbrief, den wir heute hören, ein großartiges Wort zu Weihnachten ist. Es kann unsere Existenz im Glauben tiefer begründen.
Manche Worte im Hebräerbrief belegen, dass der Verfasser seine im Glauben müde gewordenen Christen aufs Neue im Glauben stärken möchte. Als der Verfasser schrieb, lebte wahrscheinlich schon die dritte Generation nach Jesu Tod und Auferstehung. Der erste Glaubensaufbruch und Glaubensschwung war verebbt. Auf diesem Hintergrund liest sich der Text, den wir heute hören, wie eine Art Glaubensbekenntnis, mit dem der Verfasser seine Christen ermutigen möchte. Wir könnten sagen: „Es lohnt sich zu glauben.“ Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn. Gott hat das Volk Israel aus den vielen Völkern der damaligen Zeit als sein besonderes Volk auserwählt. Zu den Vätern dieses Volkes hatte Gott Jahwe eine besondere Beziehung. Durch die Propheten hat er das Volk geleitet und seinen Anspruch kundgetan. Die Propheten mussten mahnen, wenn das Volk anderen Göttern nachlief.
Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. Die Propheten waren der Mund ihres Gottes. Durch sie konnte das Volk den unsichtbaren Gott hören, durch sie war er im Wort unter ihnen. Nun aber in dieser Endzeit hat er zu uns gesprochen durch den Sohn. Hörten die Väter Gottes Wort durch die Propheten, so können wir Christen nun das Wort seines Sohnes selbst hören. Der Sohn ist das Wort des Vaters an die Menschen. Es kommt alles darauf, dass wir Hörende werden; denn dieses Wort ist einmalig und endgültig. Mit dem Leben Jesu hat eine neue Zeit, die Endzeit, begonnen, eine Zeit, die erlöst ist durch das Leben, das Sterben und die Auferstehung des Herrn. Ihn hat Gott zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. Der Verfasser schenkt seinen Christen ein kleines Glaubensbekenntnis: Der Vater hat seinen Sohn zum Erben des Alls eingesetzt; er ist ihm wesensgleich; durch ihn hat er die Welt erschaffen; dieser trägt das All durch sein machtvolles Wort; er hat sein Leben für die Sünder hingegeben; er hat unsere Sünden, die Sünden der Menschen aller Zeiten, an das Kreuzesholz geheftet. Nun sitzt er zur Rechten Gottes. „Aus solchem Bekenntnis spricht die gläubige Überzeugung, dass der Welt nur im Sohn, in dem Gott letztgültig in die Menschheitsgeschichte hinein geredet hat, Bestand und Zukunft garantiert ist,“ schreibt der Exeget Franz Laub. Das Wort des Verfassers fordert unseren Glauben heraus. Der Vater hat durch den Sohn die Welt ins Dasein gerufen. Es ist seine Welt, die er uns als Lebensraum anvertraut hat. Wir können sie durch keinen Missbrauch vernichten; denn der Herr trägt sie durch sein machtvolles Wort. Er selbst ist der letzte Garant, dass keine Katastrophe sie ganz vernichten kann.
Dies alles kann er, weil er „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens" ist. Der Verfasser umschreibt mit diesen Ausdrücken das Wesen des Sohnes. Er hat teil an der Herrlichkeit, die der Vater selber ist. Er ist das Abbild seines Wesens. Das Wort für Abbild heißt im Urtext „Charakter“. Er ist eines Charakters wie der Vater. Der Verfasser kann das Wesen des Sohnes gar nicht nah genug an das Wesen des Vaters heranbringen. Der Glaube sagt uns: Im Sohn ist uns die Lebenswirklichkeit des Vaters geschenkt. In einem Weihnachtslied singen wir: „Der Abglanz des Vaters...ist heute erschienen in unserem Fleisch...Kommt lasset uns anbeten.“ Für mich haben diese Worte heute einen neuen, tieferen Klang.
Der Verfasser setzt immer neu an, den Glauben zu begründen. Der Name war für die Israeliten Ausdruck des Wesens. Engel, Bote Gottes zu sein, war schon eine hohe Auszeichnung, doch Sohnsein ist einmalig und unüberbietbar. Diese Aussage für Jesus findet der Verfasser schon in den Psalmen. Er ist um so viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt. Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein? Schon im Alten Testament ist Jesus als Gottes Sohn voraus verkündet. Bei seinem Wiederkommen wird sich seine Größe und Macht erst ganz zeigen. Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen. Wir Menschen haben aus Weihnachten ein Fest gemacht, das unser Gemüt anspricht. Der Verfasser des Hebräerbriefes verweist uns aber auf das Wort des Vaters, das sein Sohn ist, zu hören. Halten wir im Glauben an dem „Abglanz seiner Herrlichkeit“ und am „Abbild seines Wesens“ fest. Dieses Wort hat uns erschaffen und trägt uns in die Ewigkeit.