TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
du gebietest über Himmel und Erde,
du hast Macht über die Herzen der Menschen.
Darum kommen wir voll Vertrauen zu dir;
stärke alle, die sich um die Gerechtigkeit mühen,
und schenke unserer Zeit deinen Frieden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Allmächtiger Gott, du gebietest über Himmel und Erde
„Allmächtiger Gott“ beten wir immer wieder. Immer mehr sollte uns bewusst werden, dass wir unseren Gott, der alle Macht hat, anreden. Indem ich das schreibe, kommt mir wieder die Frage des Glaubens. Der Glaube kann unsere große Not sein. Gott ist nicht gegenwärtig wie ein Mensch. Ich kann nur im Glauben mit IHM leben. Wenn ich einen Menschen kenne, der, wie wir vielleicht sagen, „allmächtig“ ist (obwohl es diesen nicht gibt!), dann habe ich eine konkrete Gestalt vor mir. Die Menschen können mit ihm von Mund zu Mund reden. Es gibt Bilder von ihm. Er ist sichtbar und hörbar. Nun könnte jemand sagen, dass Gott in dem Menschen Jesus auch sichtbar und hörbar geworden ist. Zugegeben! Doch es sind immer noch gewaltige Unterschiede. Der große Gott musste sich klein machen, um Mensch zu werden. Er musste seine „Allmacht“ verlassen, um dem Menschen gleich zu werden. Darum konnten die Menschen auch über ihn Herr werden. Ja, sie konnten ihn als Menschen kreuzigen und töten. Dass Jesus Gottes Sohn war, hat er in seiner Auferstehung bewiesen (wenn man überhaupt von einem Beweis sprechen kann). Der auferstandene Herr hat sich denen, die uns Zeugnis von seiner Auferstehung gegeben haben, sichtbar und erfahrbar mitgeteilt. Doch auch der auferstandene Herr ist nicht sichtbar bei uns geblieben. Er ist zu seinem Vater in den Himmel zurückgeehrt. Er hat uns nur seine Gegenwart in seinem Wort und die durch sein Wort gewirkten Sakramente hinterlassen. Dies alles konnte unser Gott, weil er auch in seinem Sohn der “allmächtige“ Gott ist. Du gebietest über Himmel und Erde, du hast Macht über die Herzen der Menschen. Hier sind zwei verschiedene Lebensbereiche angesprochen. Einmal Himmel und Erde, und zum anderen die Herzen der Menschen. Bleiben wir zuerst bei Himmel und Erde. Dass Gott Macht im Himmel hat, ist leicht zu glauben. Wir wissen vom Himmel nur, dass es die Wohnung Gottes und aller Geschöpfe ist, die bei Gott sind und bei ihm sein dürfen. Doch dies wissen wir auch nur im Glauben; denn kein Mensch hat Gott und Himmel je gesehen. Wahrscheinlich hat jeder Mensch irgendeine Vorstellung, die mehr oder weniger von Bildern geprägt ist, die er einmal gesehen hat: wie zum Beispiel „Das Jüngste Gericht“ von Michelangelo. Kommen wir zur zweiten Aussage: Du hast Macht über die Herzen der Menschen. Wir alle trauen Gott die Macht über die Herzen zu. Doch in Wirklichkeit leben wir mit „unseren Herzen“ das, was wir selbst für gut und richtig halten. Wir bitten ihn vielleicht, dass er uns die Kraft zum Leben schenkt, doch die Gestaltung unseres Lebens übernehmen wir im allgemeinen selbst. Meine Gedanken wandern wieder zurück in die Jahre meines Studiums. Ich schrieb schon oft davon. Mein Mitbruder war für eine psychologische Therapie, und ich versuchte ihm immer klar zu machen, dass Gott mir mehr helfen könne als ein Therapeut. Ich verteidigte immer, so meinte ich, die „Allmacht Gottes“. Doch in Wirklichkeit verteidigte ich meine Angst vor einer Therapie. Nun, so frage ich mich allen Ernstes, wie steht es denn mit der Macht Gottes über die Herzen? Ich meine, es ist eine Unterscheidung notwendig. Gott nimmt dem Menschen die Freihit nicht, doch er kann ein Herz so anrühren, dass es in Freiheit dem zustimmt, was Gott von ihm möchte. Dies können wir auch in unserem Alltag bei den Menschen sehen, die sich in Liebe zusammen schließen. Die Liebe ist eine seelische Kraft, von der man im Letzten nicht weiß, woher sie kommt. So hat Gott die Möglichkeit, durch die Liebe den Menschen dahin zu bewegen, wohin er ihn haben möchte. Dies heißt nicht, dass Gott immer und überall eingreift. Wir können ihn bitten, dass er unsere Herzen immer zum Guten lenken möge. Das schließt unser menschliches Bemühen, unsere Herzen zu bilden und mit Liebe zu füllen, nicht aus. Wir können immer so viel aus unseren Herzen verschenken, wie wir selbst geschenkt bekommen haben. Die Macht Gottes über unsere Herzen kann sich dann darin zeigen, dass wir mit unserem Herzen dorthin Liebe bringen, wo Hass ist, und dort Leben verschenken, wo ein Mangel besteht. Nun kommt mir der Einwand: Das alles vollzieht sich innerweltlich. Was hat da Gott mit unseren Herzen zu tun? Die Antwort ist nicht einfach. Ich möchte das am Beispiel meines Lebens erzählen. Als ich in meiner Studienzeit die „Analytische Therapie“ machte, war mir bewusst, dass ich sie nicht gemacht hätte, wenn es Gott nicht gegeben hätte. Warum sollte ich, so fragte ich, mich einer solchen Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit stellen? Nur weil ich für Gott arbeiten wollte und in seinem Sinne mit den Menschen leben wollte, sagte ich ja zur Therapie. Heute kann ich sagen: Ich habe es noch nie bereut. Im Letzten jedoch kann und muss ich sagen: Gott war es, der mein Herz nicht in Ruhe ließ. Er hatte die Macht über mein Herz. Ich nehme an, dass andere Menschen für mich bei Gott Fürbitte eingelegt haben und ihm gesagt haben, er solle mich nicht loslassen. Von hierher lässt sich auch die Bitte verstehen, die unser Gebet anfügt: Stärke alle, die sich um die Gerechtigkeit mühen, und schenke unserer Zeit deinen Frieden. Gott hat die Möglichkeit, die Herzen der Menschen zu bewegen. Er hat den Menschen nicht geschaffen und überlässt ihn nun sich selbst. Gott ist und bleibt Herr der Schöpfung. Er kann die Herzen der Menschen anrühren, damit sie darauf achten, gerecht und richtig miteinander zu leben. Er kann uns zum friedvollen Zusammenleben verhelfen. Er kann die Herzen der Menschen zum Frieden anrühren, damit sie sehen, wo Not ist und wo Ungerechtigkeit herrscht. – So möge er es tun!
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