1. Sonntag der Fastenzeit "B"
TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
du schenkst uns die heiligen vierzig Tage
als eine Zeit der Umkehr und der Buße.
Gib uns durch ihre Feier die Gnade,
dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten
und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Allmächtiger Gott, du schenkst uns die heiligen vierzig Tage als eine Zeit der Umkehr und der Buße.
Gott schenkt uns wieder die Zeit der „heiligen vierzig Tage“. Eigentlich habe ich noch nie darüber nachgedacht, dass alle Zeit, die ich erleben darf, eine mir von Gott geschenkte Zeit ist. Das kommt wohl daher, dass ich immer vom menschlichen Leben her denke, das in das weltliche Geschehen eingebettet ist. Darum sind mir Welt und Menschen gefühlsmäßig näher als Gott. Im Glauben kann ich mir immer wieder sagen, dass Gott mir näher ist, doch die tägliche Wirklichkeit lässt diesen Glauben „verschwinden“. Das Kirchengebet von heute macht mich darauf aufmerksam, dass es eigentlich Gott ist, der mir die Zeit für mein Leben, meine Lebenszeit schenkt. Diese Lebenszeit wird in Jahren gezählt. Die Jahre werden nach dem Kreislauf der Sonne gezählt. So viele Male wie der Kreislauf der Sonne sich in einem Menschenleben wiederholt, so alt ist er an Jahren. Nun hat es der Mensch – das ist unser Glaube - nicht selbst in der Hand, wie viele Jahre er leben möchte, sondern Gott hat einem jeden die Lebenszeit zugedacht. Darin ist von Seiten Gottes eingeplant, was wir selbst zum Erhalt unseres Lebens beitragen.
In den Verlauf einer Jahreszeit hat die Kirche die verschiedensten Geheimnisse aus dem Leben Jesu eingefügt. So auch die „Vierzigtägige Fastenzeit“, die Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten in der Wüste gehalten hat. Was Jesus getan hat, das ist der Kirche heilig. Darum mahnt sie die Christen, vierzig Tage vor Ostern an das Fasten ihres Herrn zu denken und selbst, so wie es ihnen möglich ist, zu fasten. Inzwischen hat die Kirche den Namen „Fastenzeit“ durch „Österliche Bußzeit“ ersetzt. Sie will damit verdeutlichen, dass dieses Fasten keinem Selbstzweck dient, sondern im Zusammenhang mit Ostern, der Auferstehung des Herrn, zu sehen ist. Das Leben des auferstandenen Herrn soll in uns durch das Fasten mehr Raum gewinnen.
Die Kirche, die seit ältesten Zeiten Wert auf das Fasten gelegt hat, geht davon aus, dass menschliches, geistliches Leben einem „Verschleiß“ unterliegt. Wir sprechen auch von einem „Abstumpfen“. Das ist an sich ein normaler Vorgang. Alles geistig-geistliche Leben bedarf der steten Erneuerung. Wir können das zum Beispiel auch in der Beziehung, in der Liebe feststellen. So manche Liebe ist „erkaltet“, weil sie nicht stets erneuert wurde. Da fällt mir wieder Pater Kajetan ein. Er war Lektor für Soziologie. Er sagte immer, ein Mann müsse auch nach dreißig Jahren Ehe seiner Frau noch Blumen bringen und eine Frau sich nach dreißig Ehejahren für ihren Mann so schön machen wie am Anfang. Er drückte Letzteres drastisch aus: „Sie dürfe im Haus nicht ungekämmt und nur in ausgetretenen Pantoffeln herumlaufen.
Nun habe ich nur vom Fasten gesprochen. Unser Gebet sagt, dass „die heiligen vierzig Tage eine Zeit der Umkehr und der Buße“ sein sollen. Zu „Umkehr“ fällt mir auch wieder eine Begebenheit ein. Pater Albertin gab Unterricht in Aszese. Er machte die „Umkehr“ immer vor. Er drehte sich auf der Stelle um und ging in die andere Richtung. Er wollte damit sagen, dass Umkehr nicht nur ein gedanklicher Vorgang sei, sondern eine Lebensänderung. Doch, es ist schwierig, unsere Lebenswege zu ändern. Ich bin im Orden und habe mein Leben in eine andere Richtung bringen wollen. Doch beim Ordenseintritt nehme ich mein „gewordenes Leben“ mit. Dennoch: Pater Albertin hat schon Recht. Wenn ich mich von einer Sünde abwende, muss ich fortan in eine andere Richtung gehen. Dies ist allerdings alles leichter gesagt als getan. Darum spricht das Kirchengebet von einem anderen, einem besseren Anfang.

Gib uns durch ihre Feier die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen.
Das Gebet stützt sich nicht auf menschliche Kraft und Einsicht. Es sieht den Anfang unseres Tuns bei Gott. Zuerst spricht es von der „Feier der österlichen Bußzeit“. Wir feiern zum Beispiel Geburtstag. Unser Leben ist ein Geschenk, darum feiern wir den Eintritt in das Leben dieser Welt. So muss die „Österliche Bußzeit“ ein Geschenk für mein Leben sein. In ihr kann mir Gottes Leben und Liebe geschenkt werden, weil Gott Vater uns in dieser Zeit seinen Sohn mehr offenbaren kann. Nur dadurch können wir „in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten“. Kein Mensch kann sich das Leben Gottes und die Erfahrung seiner Liebe selbst nehmen, sondern jeder kann es sich nur schenken lassen. Wir aber können und sollen uns für das Leben des Herrn öffnen. Hier haben „Buße“ und „Fasten“ ihren Sinn. Sie können mein Leben aus „eingefahrenen, alten Gleisen“ herausholen, und dann kann Gott mehr in mein Leben eindringen. Doch es bleibt immer bestehen: die Kraft seiner Erlösungstat muss uns Gott selbst schenken. Es wird jedoch auch so sein: Je mehr uns Gott seine Kraft schenkt, umso eher werden wir auf IHN eingehen. Dann können wir als erlöste Menschen die Kraft Gottes durch ein Leben aus dem Glauben auch anderen Menschen sichtbar machen. Dabei ist allerdings wieder zu bedenken, dass es nicht in unserer Macht liegt, ob ein solches Leben andere Menschen anrührt. Dies ist allein Gottes Werk. In meiner Studienzeit las ich ein Buch, in dem das Leben zweier Frauen beschrieben war. Die eine stellte ihre Frömmigkeit immer zur Schau; sie war stolz auf ihre Leistung. Die andere lebte ganz zurückgezogen, unscheinbar und demütig. Das hat mich sehr betroffen gemacht; denn in all unser Tun kann sich der Stolz einschleichen; dann geht es nur um mich. - Möge Gott uns helfen, die „Österliche Bußzeit“ recht zu leben!