TAGESGEBET
Allmächtiger und barmherziger Gott, deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg. Laß nicht zu, dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohn entgegenzugehen. Führe uns durch dein Wort und deine Gnade zur Gemeinschaft mit ihm, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Allmächtiger und barmherziger Gott
Jedes Tagesgebet beginnt mit der Anrede an Gott, mitunter auch als Anrede an Jesus Christus. Da sie heute zum ersten Mal in unserem Gebet erscheint, können wir sie betrachtend anschauen. Allmächtiger und barmherziger Gott beginnt unser Gebet. Gott ist allmächtig, das heißt: bei ihm ist alle Macht oder auch: er kann mit seiner Macht alles bewirken und alles beherrschen. Es gibt keine Macht, die größer ist als seine Macht. Wir sagen schon einmal: Weder Tod noch Teufel können seiner Macht widerstehen. Darum hat er auch die Macht, unser Leben vor dem Bösen zu bewahren, doch er ist kein absoluter Herrscher in dem Sinne, dass er uns die Freiheit nimmt. Die Freiheit ist des Menschen höchstes Gut. In dieser Freiheit hat der Mensch die Möglichkeit, mit den anderen Menschen und auch mit Gott zu leben. Dass Gott den Menschen in Freiheit geschaffen und ihm die Freiheit geschenkt hat, sagt uns die Heilige Schrift schon in ihrem ersten Buch, in der „Genesis“. Adam und Eva hatten die Freiheit, von dem Baum des Lebens zu essen oder dem Gebot Gottes zu gehorchen und nicht zu essen. Da die Frucht so köstlich anzusehen war, haben Sie ihre Freiheit falsch genutzt,. Seither hat jeder Mensch ähnliche Situationen zu bestehen. Er kann auf Gottes Wort hören und seine Gefühle und Wünsche danach ausrichten, oder er kann die Stimme Gottes überhören und tun, was ihm gut dünkt. Da fällt mir wieder ein Wort aus der Studienzeit ein. Es heißt ungefähr so: Es war eine größere Tat Gottes, dem Menschen die Freiheit zu schenken – auch mit der Möglichkeit, dass er sie missbraucht – als dass Gott ihm die Freiheit nicht gegeben hätte. Es zeige sich gerade darin die Größe Gottes, dass er dem Menschen die Freiheit lässt, obwohl er dadurch von IHM abfallen kann. Gewiss, Gott wusste von Ewigkeit her, dass der Mensch diese Freiheit zur Sünde missbraucht, dennoch hat er ihm die Freiheit gelassen. Er wusste auch von Ewigkeit her, dass er den Menschen durch die Erlösung wieder einholen konnte. Wir Menschen handeln für gewöhnlich anders. Wenn wir nämlich diese Situation auf die irdische Familie übertragen, heißt das, dass wir in der Erziehung viel Freiraum für die Kinder einräumen müssen. Die Schwierigkeit ist nur, dass wir die Kinder nicht immer auf den rechten Weg zurückholen können. Dennoch ist es bedenkenswert, wie Gott handelt. Er lässt dem Menschen grundsätzlich die Freiheit.
Wenn wir die Freiheit missbraucht haben, sind wir dennoch nicht schon verloren; denn Gott ist nicht nur „allmächtig“, sondern auch „barmherzig“. Es ist ein wunderbares Wort. Gott hat Erbarmen mit uns Menschen. Er hat uns aus Erbarmen seinen Sohn, Jesus Christus, geschenkt. Und dieser sein Sohn hatte ebenfalls Erbarmen mit den Menschen. „Mich erbarmt des Volkes“, sagte er, als die Menschen schon drei Tage bei ihm ausgehalten hatten. Und er gab ihnen zu essen. Gott Vater hatte „Erbarmen“ mit uns Menschen, denn er hat ein Herz für die Menschen. Wenn ein Mensch ein Herz für die Menschen hat, dann ist er gut zu ihnen. Es tut gut, solchen Menschen zu begegnen. Sie sprechen gut von anderen Menschen und haben immer noch eine Entschuldigung für ihr Fehlverhalten. Ich denke, so ein Mensch muss ein Herz voller Liebe haben. Wenn schon ein Mensch ein gutes Herz haben kann, um wie viel mehr muss Gott ein gutes Herz haben, hat er doch die Herzen der Menschen geschaffen. Er wollte, dass sie von Liebe erfüllt werden und dass sie diese Liebe wieder anderen Menschen für ihr Leben weiter schenken. In dem Gebet beten wir weiter: „Deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg.“ Es ist erstaunlich, dass die Kirche so betet. Ich habe den Eindruck, dass ich den Weg Gottes selbst suchen, lernen und gehen muss. Wenn ich meine Lehrer betrachte, die ich in meinem Leben hatte, so habe ich den Eindruck, dass sie ebenfalls das weiter geben werden, was sie selbst gelernt hatten. Allerdings stimmt das nicht ganz. Wer mit Gott lebt, gibt auch immer Gottes Leben weiter. Die Weisheit Gottes ist göttlicher Natur. Wenn wir sie besitzen und mit ihr leben dürfen, dann muss unser Leben auch mit Gottes Leben verbunden sein. Diese Verbundenheit wird uns in der Taufe geschenkt. Auch dazu fällt mir wieder eine Begebenheit aus meiner Schulzeit in Neuss ein. Pater Josef meinte, dass der getaufte Mensch es leichter habe, Gottes Wege zu erkennen und auf ihnen zu gehen, da er mit Gott verbunden leben könne. Doch auch dies nimmt uns die Freiheit nicht, darum beten wir im Gebet: Laß nicht zu, dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern, deinem Sohn entgegenzugehen. Wenn wir bitten, dass Gott es nicht zulassen soll, könnten wir meinen, er nehme uns die Freiheit. Doch er nimmt uns die Freiheit nicht, in der Theologie wird das die „Ermöglichung“ genannt. So wie ein Kind sich helfen lässt und dabei den richtigen Eindruck hat, dass es das selbst geschafft hat, so wird es uns Gott ermöglichen, dass wir in all unseren Sorgen und bei all unserer Arbeit ihn nicht vergessen, sondern dass wir seinem Sohn entgegengehen. Gott hat die Möglichkeit, uns zu locken und uns an sich zu ziehen. Viele Heilige haben uns davon schon erzählt. Bitten wir IHN darum, auch an uns so zu handeln, dann verlieren wir das Ziel unseres Lebens nicht: seine ewige Herrlichkeit. Bergen wir unser Leben in Freiheit in seinem Leben und bitten IHN: Führe uns durch dein Wort und deine Gnade zur Gemeinschaft mit ihm, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
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