2. Sonntag der Fastenzeit "B"
TAGESGEBET
Gott, du hast uns geboten, auf deinen geliebten Sohn zu hören.
Nähre uns mit deinem Wort und reinige die Augen unseres Geistes,
damit wir fähig werden, deine Herrlichkeit zu erkennen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen

Auf ihn sollt ihr hören
Das Gebet greift die Situation des Berges auf. Jesus war mit dreien seiner Jünger: Petrus, Jakobus und Johannes auf „einen hohen Berg“ gegangen. (Die Tradition hat den „Berg der Verklärung“ festgelegt und hat dort eine große Kirche gebaut, die an dieses Ereignis erinnert.) „Auf dem Berg“ wurde der Herr vor den Augen der drei Jünger „verklärt“. Im Evangelium heißt es: Er (Jesus) wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß“. Und weiter heißt es „Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.“ Im Gebet heißt es: „Gott, du hast uns geboten, auf deinen geliebten Sohn zu hören.“ Jesus tritt nicht eigenmächtig auf. Er ist vom Vater im Himmel gesandt. Hier fällt mir die Vision der heiligen Angela von Foligno ein. Sie schreibt, dass der Sohn von sich aus dem Vater angeboten habe, das Kreuz auf sich zu nehmen. Der Vater sendet, doch der Sohn kommt dieser Sendung schon in Freiheit zuvor. Er ist ganz eins mit dem Vater. Darum kann das Gebet uns beten lassen, „Gott, du hast uns geboten, auf deinen Sohn zu hören“. Der Sohn wird den Vater nicht enttäuschen. Er wird nichts sagen oder tun, was gegen den Willen seines Vaters ist. Wenn wir auf ihn hören, hören wir zugleich auf den Vater. Dass Vater und Sohn so eins sind, hat etwas mit der Liebe zu tun. Im Gebet heißt es: wir sollen auf „seinen geliebten Sohn hören“. Wenn es schon eine Liebe zwischen Menschen gibt, dann ist die Liebe Gott Vaters zu seinem Sohn und umgekehrt um ein Unendliches tiefer und größer als die zwischen Menschen. Hier könnte darüber nachgedacht werden, warum Gott Vater seinen Sohn an die Menschen ausliefern lässt? Oder nochmals anders gesagt: Gott Vater muss uns Menschen wirklich lieben, wenn er einen solchen Preis, nämlich die Hingabe seines „geliebten“ Sohnes an das Kreuz für unsere Erlösung bezahlt.
Das Gebet legt auf den Gesichtspunkt des Hörens wert. Wir sollen auf den Sohn hören. Hierzu fällt mir eine andere Stelle aus dem Evangelium ein. Als viele Jünger, die bis dahin mit Jesus gegangen waren, ihn verließen, weil „die Rede zu hart war“, fragte Jesus seine Apostel, ob sie nicht auch weggehen wollten? Worauf Petrus antwortet: „Wohin sollten wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.“ Jesu Wort ist ein mit Leben gefülltes Wort. Und nicht nur mit dem Leben von dieser Welt, sondern mit dem Leben nach dem Tod, mit dem Leben bei Gott, dem ewigen Leben. Von daher brauchte uns Gott es gar nicht zu „gebieten“, auf seinen Sohn zu hören, sondern wer immer Gott liebt, wird ein offenes Ohr und Herz für das Wort Gottes haben. Das beste Beispiel ist immer der liebende Mensch. Wenn jemand einen anderen liebt, wird er immer auf jedes Wort hören, das der andere ihm zukommen lässt. Doch wir Menschen leben mit Gott zumeist nur im Dunkel des Glaubens. Das Wort Gottes zieht uns nicht in seinen Bann. Wir haben nicht den Drang, Worte Gottes auszukosten. Ich muss wieder in meine Jugendzeit zurückdenken. Da unsere Familie „religiös“ war und sonntags zur Kirche ging, ging ich auch. Doch ich könnte nicht sagen, dass ich von einer Predigt beeindruckt war. Da ich von der Arbeit müde war, verschlief ich die meisten Predigten. Ein Nachbar sagte einmal im Scherz zu meinen Eltern: „Der Prediger, der den Hubert (das war mein Taufname) wach machen würde, müsste erst noch geboren werden.“ Selbst im Studium bekam ich keine Beziehung zum Wort Gottes. Erst später, als ich mich für die Predigt mit dem Wort Gottes befassen musste, wurde in mir die Liebe zu dem Wort des Herrn geweckt. Heute kann ich das Wort verstehen, ich meine der heilige Hieronymus habe es gesagt, „wer die Heilige Schrift nicht kennt, kennt auch Jesus nicht“. Was Hieronymus sagt, gilt auch im menschlichen Leben: Wenn ich von einem Menschen nur wenig oder nichts gehört habe, kann ich ihn auch nicht kennen. Unser Gebet drückt es positiv aus. Es sagt, „nähre uns mit deinem Wort“. Das Wort Gottes als Nahrung unseres Lebens mit Gott. Ein Wort ist immer Träger des Lebens oder Träger des Todes. Wenn ich jemandem ein aufbauendes Wort sage, bekommt der andere dadurch Leben, wenn ich ihm ein böses Wort sage, vernichte ich ein Stück seines Lebens. So ist zu verstehen, dass zu einer lebendigen Beziehung mit Gott ein „lebensspendendes Wort“ gehört. Nun ist es auch zwischen uns Menschen schon so, dass wir oft Erklärungen zu einem Wort geben müssen, damit es recht verstanden werden kann. Um wie viel mehr ist es notwendig, dass Gott uns hilft, oder besser: es uns schenkt, sein Wort als ein Wort zu verstehen, das etwas von der Fülle seines Lebens und seiner Herrlichkeit in sich birgt. Alles, was wir von Gott wissen, oder was wir von ihm in uns tragen, ist Geschenk von ihm; denn wir Menschen können Gott von uns aus nicht verstehen, nur er kann uns beschenken und es uns geben, dass wir ein wenig sein Leben erahnen dürfen, oder wie es das Gebet sagt, „seine Herrlichkeit erkennen lassen“. Doch auch dies ist wiederum mit einer Vorbedingung verknüpft: Gott muss „die Augen unseres Geistes reinigen“. Eine solche Reinigung nennt zum Beispiel Johannes vom Kreuz „Dunkle Nacht“. Er will damit sagen, dass der menschliche Geist eine solche Reinigung nur erleiden kann. Wir „Alltagschristen“ haben zumeist eine solche Erfahrung nicht, wir leben im „Dunkel des Glaubens“ und vertrauen auf Gott, dass er uns in der Ewigkeit einmal seine Herrlichkeit schauen und kosten lässt. Dennoch sind solche Zeugnisse von Heiligen hier auf der Erde für uns bedeutsam; denn sie sagen uns, dass es diese Herrlichkeit wirklich gibt. Sie geben Zeugnis von unserer Zukunft.