TAGESGEBET
Gott, unser Vater,
du bist der Quell des Erbarmens und der Güte,
wir stehen als Sünder vor dir,
und unser Gewissen klagt uns an.
Sieh auf unsere Not
und lass uns Vergebung finden
durch Fasten, Gebet und Werke der Liebe.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Gott, unser Vater, du bist der Quell des Erbarmens und der Güte.
Es ist gut, sich über die Texte der Kirchengebete Gedanken zu machen. Heute beginnt das Gebet mit der Aussage, dass Gott der Quell des Erbarmens und der Güte ist. Ich habe diese Quelle bis jetzt oft nur beim Menschen gesucht. Ein Mensch, der als Kind Güte und Erbarmen erfahren hat, wird wahrscheinlich auch gütig und barmherzig seinen Mitmenschen gegenüber sein können. Doch das ist nicht immer so. „Ausnahmen bestätigen die Regel“, heißt ein Sprichwort. Mir fällt auch die Geschichte aus der Heiligen Schrift ein, wo Jesus an einem Beispiel zeigt, dass derjenige, der die ganze Schuld erlassen bekommen hat, hartherzig seinem Schuldner gegenüber ist. Zur Erinnerung: Bei der Abrechnung, die ein Gutsherr gehalten hat, brachte man einen Mann vor ihn, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Auf die Bitte des Mannes hin, erließ der Gutsherr ihm die ganze Schuld. Eigentlich müsste man annehmen, dass der Mann erleichtert nun auch seinem Schuldner die Schuld erlassen hätte. Doch dieser, hartherzig, wie er war, ließ sich nicht auf ein Erlassen der Schuld ein, vielmehr ließ er seinen Schuldner ins Gefängnis werfen, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Es ist leicht, das Handeln des Gutsherrn als angemessen zu betrachten, und fast selbstverständlich halten wir das Handeln des Verwalters für nicht richtig. Doch, so frage ich mich, in welcher der Personen finde ich mich wieder. Bin ich der, der um Vergebung bittet? Bin ich wirklich der Schuldner oder doch eher der hartherzige Verwalter? Oder bin ich von beiden etwas? Richtig wäre, wenn ich mich im „Vater, dem Quell des Erbarmens und der Güte“ wiederfände. Ich empfinde aber, dass ich mich nicht einfach als Schuldner fühle, bemühe ich mich doch jeden Tag um ein Leben mit Gott. Doch wenn das Gefühl stimmt, verwehrt es mir die Barmherzigkeit und die Güte des Vaters, weil ich das Empfinden habe, dessen nicht zu bedürfen. Ich stelle fest, dass es nicht einfach ist, mit unserem Glauben zu leben. Das Gebet fährt fort: Wir stehen als Sünder vor dir, und unser Gewissen klagt uns an. Dazu fällt mir eine kleine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ein Zimmermann, der bei meinen Eltern arbeitete, fragte mich, warum ich denn beichten gehe. Er müsste das nicht, er habe niemanden betrogen und keinen Menschen umgebracht. Er wüsste gar nicht, warum er beichten sollte. Die Kirche, so sagte er, mache einem nur immer ein schlechtes Gewissen. Sie sage immer, dass wir Sünder seien. Ob er nicht doch ein wenig recht hat? Die Kirche, das heißt, unsere Religionslehrer und unsere Eltern haben uns gesagt, was Sünde ist. Und wenn sie ängstlich alles für Sünde hielten, gaben sie diese Angst weiter. Hier könnte über Gewissensbildung nachgedacht werden. Auch das Gewissen unterliegt unserem Werdegang und unserem Gewordensein. Das Kirchengebet betet schlicht, „wir stehen als Sünder vor dir“, das ist in seiner allgemeinen Formulierung gut zu verstehen. Wer möchte schon vor Gott behaupten, dass er alles richtig gemacht hat? Es gibt im Leben immer Dinge, die wir später anders machen würden. Doch das heißt nicht schon, dass uns unser Gewissen anklagt. Wer ein „ängstliches Gewissen“ hat, wird die Anklage immer spüren. Wer ein „weites Gewissen“ hat, lebt leichter. Er spürt nicht in allem den Stachel des Gewissens. Das Gebet geht auf diese Probleme nicht ein, es setzt eine normale Gewissensbildung voraus. In ihr kann jeder Mensch erkennen, dass er auch vor Gott nicht alles richtig gemacht hat und macht. Dies wird er in seinem Gewissen feststellen. Nun lässt das Gebet den „Sünder“ nicht entblößt vor Gott stehen, sondern es bittet Gott, auf unsere Not zu schauen und uns Vergebung zu schenken. Um Vergebung zu finden, bietet der Mensch Gott „Fasten, Gebet und Werke der Liebe“ an. Doch Gott ist nicht an diese „Werke“ gebunden. Er ist frei und kann in Freiheit dem Menschen alle Schuld erlassen. Ich habe schon einmal darüber geschrieben. Es war mein Problem in der Studienzeit. Ich las von großen Büßern und der Wirksamkeit der Buße. Darum dachte ich, dass Gott immer nur soviel Gnade, soviel Leben von sich gibt, wie der Mensch eine Gegenleistung erbringt. Bei vielen Heiligen kann man diesen Eindruck gewinnen, Ob es in Wirklichkeit so ist, sei dahingestellt. Jedenfalls bleibt, dass der Mensch Gott Vater bitten kann, ihm - und durch sein Leben den Menschen - aus dem „Quell des Erbarmens und der Güte“ Leben zu schenken. Dabei können meine Werke „des Fastens, des Gebetes und der Liebe“ durchaus bedeutsam sein, Nicht dass ich Gott dadurch zwingen könnte, doch er kann meinen guten Willen sehen. Ich habe als Kind meiner Mutter gerne in der Küche geholfen. Sie hat das immer mit Lob vergolten. So könnte ich mir auch denken, dass unsere Werke vor Gott nicht groß und bedeutsam sein müssen, doch uns bringen sie Gottes Huld und Gottes Segen. Wenn wir Menschen schon Gutes mit Gutem vergelten, um wie viel mehr wird Gott das tun. Er lässt nicht unbelohnt, was wir den Mitmenschen an Gutsein und Liebe schenken. Ich kehre zum Anfang zurück. Nur wenn ich das Erbarmen und die Güte Gott Vaters verinnerliche, das heißt, wenn diese mir zum Lebensquell werden, kann ich mein Leben daraus gestalten: Dann kann ich Vergebung empfangen und Vergebung schenken; kann ich die Kraft haben zu verzichten und das Ersparte den Armen zu schenken. Dann kann ich die rechte Wange hinhalten, wenn mich einer auf die linke schlägt. – Möge der Herr auf unsere Not schauen und uns helfen.
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