TAGESGEBET
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein.
Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt.
Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus, unseren Herrn, der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit.
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein!
„Allmächtiger Gott“, so beginnt wiederum unser Kirchengebet. Wie ich letztes Mal schon geschrieben habe, „allmächtig“ heißt, alles vermögend, zu allem die Macht haben. Im Hinblick auf uns Menschen kamen mir noch folgende Gedanken: gegenüber „allmächtigen Menschen“ bin ich vorsichtig. Ihnen fühle ich mich im „Guten wie im Bösen“ ausgeliefert. Auch dies muss mit Erfahrungen aus meiner Kindheit zu tun haben. Ich weiß, es ist schlimm, wenn ich immer von meinen Erlebnissen als Kind berichte. Eine Frau hat sich einmal darüber bei mir beschwert, dass ich oft nicht gut über meinen Vater redete. Es geht mir jedoch nicht darum, jemanden schlecht zu machen. Ich versuche an Hand von Beispielen aufzuzeigen, dass das Wort, mit dem wir beten, zu uns von Gott spricht, und unser Leben zum „Schwingen“ bringen kann. Wenn es unser Innerstes erfasst, dann kommt unweigerlich unsere Vergangenheit zum Schwingen; denn unser aller Leben ist von Vergangenem, das wir erlebt haben, geprägt, ob wir das glauben oder nicht glauben, ob wir damit bewusst leben wollen, oder ob wir unsere Augen davor verschließen möchten. Wenn ich also von meinen Erfahrungen, besonders in der Kindheit, erzähle, soll das keine Anschuldigung sein, sondern eher eine Ermunterung, auf Lebensvorgänge, besonders bei Kindern, zu achten und dadurch eventuell Glaubensschwierigkeiten besser verstehen zu können. Ein jeder von uns lebt mit anderen Menschen zusammen – keiner ist eine Monade oder eine Insel - und gibt immerzu Lebensimpulse weiter und empfängt Lebensimpulse. Wenn diese Lebensimpulse gut sind, kann Gutes entstehen, wenn sie böse sind, kann Böses entstehen. Doch kein Mensch ist nur und ganz an sein Innerstes, an sein Unterbewusstes ausgeliefert. Wäre er das, besäße er keine Freiheit. Die Freiheit aber gehört zu jedem Menschen. Nun, nach der langen Rede wieder zum Text. Wir bitten den allmächtigen Gott, dass er uns seine Gnade schenken möge. Gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Bei den Worten „gießen“ und „Herzen“ haben wir unsere Vorstellungen. Wir gießen zum Beispiel an Blumen so viel Wasser, wie sie nötig haben. Es hängt weithin von unserem Gießen ab, ob sie gedeihen oder nicht. So wird es auch mit der Gnade sein, die wir von Gott bekommen. Es ist gut, IHN zu bitten, dass er uns hinreichend „Wasser“, das heißt „Gnade“ in unsere Herzen „gießen“ möge. Es gibt einen dogmatischen Glaubenssatz, der besagt, dass jeder Mensch so viel „Gnade“ bekomme, dass er das ewige Leben erreichen könne. Mit „Herz“ meinen wir unser ganzes Leben. Dieses kann leben und gedeihen, wenn es genügend „Gnade“ von Gott bekommt. Doch, was ist mit dem Wort „Gnade“ alles gemeint? Es ist ein unpersönliches Wort und bezeichnet eine Wirklichkeit, die zu Gott gehört. Mitunter sagen wir von einem Menschen: Er oder sie ist ein „begnadeter Mensch“; oder auch: er ist ein „begnadeter Redner“. Wir drücken damit aus, dass der Redner tiefe Einblicke in das Leben oder in eine Sache hat und dass er dies gut ins Wort bringen kann. Nun geht es bei der „Gnade“, die Gott uns in unsere Herzen gießen möge, nicht um innerweltliche Gaben, sondern um die Gabe seines göttlichen Lebens. Wenn Gott uns sein Leben schenkt, verbindet er uns mit sich selbst. Unser Herz – unser ganzes Leben – bekommt die Lebensverbundenheit mit IHM, es bekommt den „Pulsschlag Gottes“. Dass wir solches zu beten und zu bitten wagen, hat seinen Grund in der Offenbarung seines göttlichen Lebens in und durch seinen Sohn. Wir beten: Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Dass Jesus der Sohn Gottes ist, hätte kein Mensch erkennen und erfassen können. Gott selbst musste dies und offenbaren. Die Botschaft ist es, die der Engel des Herrn damals den „Hirten auf dem Felde“ verkündete: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude… Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr… Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. Hier haben wir auch das Wort „Gnade“. In manchen Übersetzungen heißt es „seines Wohlgefallens“, oder „seiner Huld“. In der lateinischen Übersetzung heißt es „bonae voluntatis“, das heißt, „guten Willens“. Das Johannes-Evangelium schreibt: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Es sagt, dass Jesus – als Wort Gottes - wirklich ganz Mensch war. Das Kirchengebet lenkt unseren Blick auf das ganze Leben Jesu: Die Menschwerdung ist der Anfang der Erlösungstat Jesu. Der Sohn Gottes, Jesus, ist nicht nur Mensch geworden, sondern er hat sein Leben für alle Menschen aller Zeiten hingegeben. Darum können wir Gott, den Vater, bitten: Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Der Weg in den „Himmel“ hat uns der Herr durch seinen Tod und seine Auferstehung erschlossen. In seiner Menschwerdung hat er um des Menschen willen – wozu wir auch gehören! - den Himmel verlassen und ist des Menschen Weg bis zum bitteren Ende, bis zum Tod am Kreuz, gegangen. Seither gibt es keinen anderen Weg zum Vater im Himmel, als den mit unserem Herrn Jesus Christus. Das kann auch bedeuten, dass wir an seinem Kreuzweg teilhaben, um so in die Herrlichkeit zu gelangen. Jedenfalls geht kein Weg am Tod vorbei. Ihn müssen alle Menschen auf sich nehmen. Seit Jesus Christus den Tod für uns gestorben ist, brauchen wir durch die Verbundenheit mit dem Herrn, vor dem Tod keine Angst mehr zu haben. Der Tod ist seither das Tor zum ewigen Leben. |