4. Sonntag der Fastenzeit "B"
TAGESGEBET
Herr, unser Gott,
du hast in deinem Sohn die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben,
damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn.

Herr, unser Gott, du hast in deinem Sohn die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Ich muss es immer wieder gestehen: Seitdem ich über die Kirchengebete nachdenke und meine „Gedanken“ dazu schreibe, muss ich meinen Glauben ernsthaft hinterfragen. Da beten wir zu einem „Gott“, von dem wir sagen, dass er die Welt und den Menschen ins Dasein gerufen hat. Erinnern wir uns! Es heißt in der Heiligen Schrift: „Gott sprach“ - „und so geschah es“. Auch der Mensch wurde von Gott zum lebendigen Wesen erkoren. „Lasst uns den Menschen nach unserem Bild und Gleichnis erschaffen“, sprach der Herr des Himmels und der Erde. „Als Gottes Bild schuf er ihn.“ Gott ähnlich ist der Mensch, wenn auch umso mehr unähnlich, sagen die Philosophen. Schwindel könnte einen befallen, wenn wir das bedenken: Gott ähnlich zu sein, an seiner ewigen Existenz Anteil zu haben; ein Wesen zu sein, das nicht mehr aufhört zu exstieren. So sagt es uns die Heilige Schrift, wenngleich wir uns diese Ewigkeit nicht ausdenken und nur staunend ins Wort bringen können. Die irdische Ewigkeit ist uns durch die Sünde verloren gegangen. Vielleicht haben jene Theologen Recht, die sagen, dass die ersten Menschen, Adam und Eva, auch glauben mussten. In diesem Glauben konnten sie schwach werden und versagen. Sie haben der Stimme des Teufels mehr „geglaubt“ als Gott. Wer von uns möchte darüber schon urteilen? Wer hat nicht an sich selbst und in sich selbst die Schwachheit erfahren? Da hilft auch nicht der Verweis auf die Erbsünde. Ein jeder ist für sich selbst verantwortlich.
Plötzlich steht die ganze Menschheit mit ihrer Geschichte vor meinem geistigen Auge. Generation um Generation, vielleicht sind es viele tausende Generationen, die alle mehr oder weniger mit ihrem Schöpfer, mit Gott gelebt oder ihm ihr Leben versagt haben. Es ist gewiss nur ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte der Menschen mit ihrem Gott, die uns in den Geschichtsbüchern und in der Heiligen Schrift erzählt wird. In dieser Menschheitsgeschichte hat Gott ein Volk erwählt, sein besonderes Volk zu sein: das israelitische Volk. Mit ihm hat er immer wieder einen Bund geschlossen. Doch auch dies war immer ein Bund, dem das Volk glauben musste. Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Volk Israel diesen Bund immer wieder gebrochen hat. Darum hat sich Gott ein letztes Mal dieses Volkes und damit zugleich der ganzen Menschheit angenommen: Er sandte seinen eigenen Sohn. In IHM hatte er die Gewissheit absoluter Treue und Zuverlässigkeit. In IHM hat Gott Vater die Menschen aller Zeiten mit sich versöhnt. Im Kirchengebet beten wir: Herr, unser Gott, du hast in deinem Sohn die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Wir Menschen nehmen dies alles so selbstverständlich hin. Das kann seinen Grund darin haben, dass wir nur im Glauben von unserer Versöhnung wissen. Wir feiern in jeder heiligen Messe die „Versöhnung Gottes mit den Menschen;“ denn im Kreuzesopfer, das wir „unblutiger Weise“ in jeder Eucharistiefeier wiederholen, geschieht immerzu die Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen, es geschieht, was damals Jesus am Kreuz auf Golgota bewirkt hat: die Versöhnung zwischen Gott Vater und uns Menschen. Ein Kreuzesopfer war die „wunderbare Weise“, durch die sein Sohn uns mit Gott, unserem Vater, versöhnt hat. Dass es eine wunderbare Weise ist, besagt allein schon die Tatsache, dass Versöhnung mit Gott geschieht. Alles Leben mit Gott ist vom Menschen aus gesehen „wunderbar“, ist ein „Wunder“, weil Gott es mit uns lebt. Dass Gott diesen Weg der Versöhnung gewählt hat, ist erschreckend und zugleich „wunderbar“. Wer von uns Menschen hätte je geahnt, dass ein menschliches Leben mit dem Kreuzestod am Ende die Versöhnung zwischen Gott und uns Menschen bringen würde? Dazu muss ich noch einmal wiederholen, was ich schon einmal geschrieben habe, nicht der schreckliche Tod Jesu ist das erlösende Element, sondern der Gehorsam Jesu seinem Vater gegenüber bis zum Tod am Kreuz. Die erste Sünde war der Ungehorsam, darum kommt die Erlösung durch den Gehorsam. Hier drängt sich mir mein Leben wieder auf. War es Gehorsam gegen Gott oder Flucht vor seinem Willen, dass ich hier in Essen im Altenheim bin? Ich habe zwar die Erlaubnis meines Oberen, doch mitunter denke ich, ich hätte ausharren müssen. Eine Antwort auf diese Frage werde ich erst nach meinem Tod erhalten. Auf dieser Welt ist unser Leben weithin vom Dunkel des Glaubens geprägt.
Vom Glauben spricht auch der zweite Teil unseres Gebetes: Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben, damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt. Was möchte uns das Wort vom „hochherzigen Glauben“ sagen? Das Gegenteil wäre die Verneinung unserer Versöhnung durch Jesus Christus mit Gott Vater. Da sich unser ganzes Leben mit Gott im Glauben vollzieht, bedarf es dieses Glaubens. Das Gebet spricht von einem „hochherzigen Glauben“. Nicht der ewig zweifelnde oder der gleichgültige Mensch trägt das Geheimnis der Erlösung durch sein Leben weiter, sondern der mit seinem ganzen Herzen der Erlösung durch Jesus Christus Glauben schenkt. Hier ist nicht nur der Einzelne angesprochen, sondern das ganze Volk Gottes. Wir sind als Volk Gottes unterwegs in die Ewigkeit. Auf diesem Weg tragen wir die Botschaft von der Auferstehung des Herrn, derer wir an Ostern besonders gedenken, mit uns. Wenn es im Gebet heißt, dass uns Gott helfen soll, damit wir „mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilen können“, ist sicher auch an das ewige Osterfest gedacht. Wir Christen glauben an unsere Zukunft: an die Auferstehung unseres Fleisches in alle Ewigkeit.