TAGESGEBET
Allmächtiger Gott,
wir bekennen,
dass unser Erlöser bei dir in deiner Herrlichkeit ist.
Erhöre unser Rufen und lass uns erfahren,
dass er alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns bleibt,
wie er uns verheißen hat.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Allmächtiger Gott
Obwohl ich letzthin schon auf das Wort „allmächtig“ eingegangen bin, muss ich heute noch einmal darauf zu sprechen kommen. Ich habe beim Beten in der Liturgie, das heißt, bei der Feier der Heiligen Messe mitunter statt „allmächtig“ gebetet: „Gott der du alle Macht hast“. Das schien mir für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Liturgie verständlicher zu sein. Das mag durchaus auch so sein. Doch nun meine ich, in der Aussage „allmächtig„ und „Gott, der du alle Macht hast“, einen Unterschied feststellen zu können. Vielleicht besteht er auch nur in meinem Empfinden.
Die Formulierung „Gott, der du alle Macht hast“ scheint zunächst verständlicher. Es gibt keinen Bereich auf der Erde, im Himmel, im Fegefeuer und in der Hölle, der außerhalb des Machtbereiches Gottes liegt, wobei die Wirklichkeit, dass der Machtbereich der Hölle auch im Machtbereich Gottes liegt, Anstoß geben kann. Ich entsinne mich wieder heftiger Diskussionen aus meiner Studienzeit. Es ist kurz gesagt so: wenn Gott nicht in allen Machtbereichen Herr wäre, wäre Gott nicht der Gott, der alle Macht hat. Ich meine auch in der Kirchengeschichte gehört zu haben, dass Gott auch die Macht hätte, Satan, Engel und Menschen aus der Hölle zu befreien. Eine Irrlehre hat dies auch vertreten. Sie besagt, dass Gott am Ende der Zeiten die Hölle auflöse und alle und alles in den Himmel aufnehme. Die Lehre heißt auf griechisch „Apokatastasis ton panton“. Ich hatte einen Professor, der dieser Lehre sehr zugeneigt war. Ich sage mir, ich wäre glücklich, wenn es so wäre, doch die Lehre der Kirche ist eindeutig anders. Das scheint mir auch eine Frage der Gerechtigkeit zu sein; denn, wenn am Ende alle gleich behandelt würden, wäre es „gleich- gültig“, wie ich auf Erden lebe. Ganz gleich, ob gut oder schlecht. Doch nun wieder zurück zu unserem Gebet. Gott ist „allmächtig“. Ich empfinde bei dieser Aussage eine Absolutheit. Da gibt es kein Nachdenken. Gott ist in seiner Macht über alle und alles erhaben. Wenn ich bei der Aussage, Gott der alle Macht hat, noch in meiner Vorstellung Macht und Mächte aneinanderreihen musste, so ist mit dem Begriff „allmächtig“ schon alles gesagt. Gott ist, in einem Wort ausgedrückt: „all-mächtig“. Nun hat dieser „allmächtige Gott“ seinen Sohn gesandt, um die Menschen, die Menschheit, die sich von ihm getrennt hatte, wieder in die Lebensbeziehung mit sich hineinzuholen. Sein Sohn, Jesus Christus, hat den Abstieg (dies ist ein Wort, das den heiligen Bonaventura, eines Franziskanertheologen, sehr fasziniert hat) vollzogen bis zur Vorhölle, um alle Menschen, (auch die verstorbenen Gerechten) mit sich zum Vater im Himmel zu nehmen. Dies wird in der Liturgie an „Christi Himmelfahrt“ gefeiert. Unser Gebet bedenkt einfach die Rückkehr Jesu Christi nach seinem Tod zu seinem Vater. Dies ist alles nicht selbstverständlich, sondern der Christ, der sich dem Herrn angeschlossen hat, „bekennt dies“. Der Christ ist im Glauben überzeugt, dass Jesus vom Tode erstanden ist. Das heißt auch, dass Jesus den Tod überwunden hat und nicht für immer im Tode geblieben ist. Nach seiner Auferstehung ist der Herr in die Herrlichkeit zurückgekehrt, die er vor seinem Erdenleben bei seinem Vater hatte. Das könnte auch bedeuten, dass Jesus sich von uns Menschen ganz getrennt hätte. Doch eben dies bekennt das Kirchengebet anders. Es betet: Gott,“erhöre unser Rufen und lass uns erfahren, dass er alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns bleibt, wie er uns verheißen hat.“ Am Ende des Matthäusevangeliums heißt es: „...lehrt sie (die Menschen) alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28,20).“ Das Gebet ist damit nicht zufrieden, dass der Herr uns dies versprochen hat, es bittet darum, dass er uns seine Gegenwart auch erfahren lässt.
In der Theologie, so scheint mir, wird von der Glaubenserfahrung nicht viel gesprochen. Ich entsinne mich, dass zumeist nur vom „nackten Glauben“ die Rede war. Erfahrung des Glaubens hatten die so genannten Heiligen. Aber auch sie mussten oft „Wüstenerfahrung“ machen, oder ganze Strecken des Lebens in der „Dunkelheit des Glaubens“ verbringen. Und doch: Es muss so etwas wie eine Erfahrung des Glaubens geben. In unserem Gebet geht es um die Erfahrung, dass Christus auch nach seiner Heimkehr zum Vater noch bei uns ist. Eigentlich ist das verstehbar. Jesus hat das Reich Gottes unter uns Menschen aufgerichtet und er überlässt dieses sein Reich nicht der Willkür der Menschen. Was haben wir Menschen nicht schon alles mit „seinem Reich“ gemacht. Da ist es gut zu wissen, dass die Weitergabe des Glaubens letztlich nicht von uns Menschen abhängt. Oder noch einmal anders gesagt: Der Herr hat uns sein Leben geschenkt und damit sich selbst, und er ist auch der Garant, dass es unter uns Menschen und in uns Menschen weiterlebt und lebendig bleibt; denn er bleibt bei uns bis an das Ende der Welt. Einmal hat Satan versucht, den Herrn und dessen Leben auszutilgen, doch er war nur ein Werkzeug zu unserer Erlösung. Der Herr ist dadurch unser „Erlöser“ geworden. Heimgekehrt in die Herrlichkeit seines Vaters tritt er immerzu für uns ein. - Möge er es auch für uns tun!
|