Dreifaltigkeitssonntag
TAGESGEBET
Herr, himmlischer Vater,
du hast dein Wort und deinen Geist in die Welt gesandt,
um das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren.
Gib, dass wir im wahren Glauben
die Größe der göttlichen Dreifaltigkeit bekennen
und die Einheit der drei Personen in ihrem machtvollen Wirken verehren.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Herr, himmlischer Vater
Und wieder reden wir den Vater im Himmel an. Ob wir in der Tat glauben, dass ER unser Vater im Himmel ist? Haben wir denn noch einen zweiten Vater? Einen, der unser irdisches Leben nicht gezeugt hat? Oder noch einmal anders gefragt: Wo und wie ist er denn unser Vater geworden? Die Heilige Schrift spricht immer wieder von Gott, dem Vater aller Menschen und der ganzen Welt. Zum Beispiel heißt es im ersten Brief des Apostels Paulus an die Christen zu Korinth: „Und selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde sogenannte Götter gibt – und solche Götter und Herren gibt es viele-, so haben wir einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles und wir leben auf ihn hin (8,6).“ Hier fällt mir wieder die Tiefenpsychologie ein. Sie sagt, dass wir das irdische, selbst erlebte Vaterbild auf Gott übertragen. Ich habe mich früher gegen diese Erkenntnis heftig gewehrt, doch inzwischen muss ich anerkennen, dass es so ist. Hatten oder haben wir einen strengen Vater, wird es uns schwer fallen, in unserem Empfinden einen gütigen Gott wahrzunehmen. Es wird auch gesagt: Väter sind Abbilder Gottes. Wenn die Väter dies bedenken, werden sie sich im Glauben an Gott orientieren und ihn um „Leben“ bitten; denn sie können nur das weitergeben, was sie selbst empfangen haben. Es ist gut, dass es in unserem Leben noch die Mutter gibt. Sie gleicht oft aus, was der Vater den Kindern nicht geben kann. Jedenfalls zeigt dieses Beispiel, dass unser religiöses Leben „geerdet“ ist. Es schwebt nicht über unserem Leben, sondern es möchte als Prägung unseres Lebens von uns gelebt werden.
Von diesem unserem „religiösen Leben“ betet unser Kirchengebet: Herr, himmlischer Vater, du hast dein Wort und deinen Geist in die Welt gesandt, um das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren. Heute, am Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit bedenkt das Gebet zuerst den innergöttlichen Kreislauf der Liebe und des Lebens. Der Vater liebt den Sohn, und diese Liebe ist zugleich auch wieder eine eigene Person: der Heilige Geist. Nun hat Gott dieses sein innergöttliches Leben nicht für sich behalten, sondern hat uns Anteil an diesem seinem Leben geschenkt, und indem er uns Anteil an seinem Leben schenkt, können wir erahnen und erkennen, wie das Leben Gottes ist.
Als Erstes hat Gott Vater sein Wort in die Welt gesandt. Durch das Wort Gottes wurde schon die Welt geschaffen. Es heißt in der Schöpfungsgeschichte immer wieder: „Gott sprach und es ward.“ Durch sein Wort ist alles geworden, und alles hat in ihm Bestand. Dieses Wort Gottes ist dann in Jesus Christus „Fleisch geworden“. Hören wir aus dem Prolog des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist (Joh 1,2-3). Wir könnten die Schöpfung nicht als Schöpfung Gottes erkennen, wenn uns nicht Gott selbst von seinem Geist geschenkt hätte. So heißt es wiederum schon in der Schöpfungsgeschichte, dass Gott uns Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen und uns seinen Lebensgeist eingehaucht hat. Dies ist eine erste Möglichkeit für den Menschen, mit Gott zu leben. (Heute würde in banaler Weise gesagt: mit Gott ins Gespräch zu kommen!) Doch diese Möglichkeit hat Gott selbst für uns Menschen in Jesus zur Wirklichkeit gemacht. Gewiss, wir können immer nur im Glauben mit Gott leben, doch dieser Glaube hat eine Gewissheit bekommen dadurch, dass Gott Vater seinen Sohn hat Mensch werden lassen. Zudem hat der Vater uns nach der Himmelfahrt Jesu den Heiligen Geist geschenkt. Er wollte die Verbundenheit, die er uns Menschen durch den Erlösungstod seines Sohnes, Jesus Christus, ermöglicht hat, für alle Zeiten wirksam sein lassen. Dies geschah, indem er uns den Heiligen Geist gesandt hat.
Nun habe ich bis jetzt nur bedacht, was die Heiligste Dreifaltigkeit für uns Menschen bedeutet. Das Gebet spricht jedoch davon, dass Gott Vater uns „das Geheimnis seines göttlichen Lebens offenbaren wollte.“ Da fällt mir das schöne Wort aus dem Brief an die Christen zu Ephesus ein: „Gott...erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.“ Das heißt, die Betrachtung des dreifaltigen göttlichen Lebens ist kein Selbstzweck. Sie lässt uns erahnen, wo und wie unser Leben im Glauben eingebettet ist. Und dieses Leben ist ewiges Leben. Wir wollen hoffen und glauben, dass unser Leben nach dem Tod oder durch den Tod hindurch Anteil an diesem ewigen Leben geschenkt bekommt. So ist das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes durch die Taufe auch unser Lebensgeheimnis geworden. Dieses Lebensgeheimnis verpflichtet uns. Darum fährt das Gebet fort:
Gib, dass wir im wahren Glauben die Größe der göttlichen Dreifaltigkeit bekennen und die Einheit der drei Personen in ihrem machtvollen Wirken verehren. Es gehört eine gewisse Demut dazu, sich vor der Größe Gottes zu beugen. Glauben und Demut gehören nahe zusammen. Je mehr ich im Glauben die Größe Gottes erahnen darf, umso demütiger werde ich vor IHM sein. Unsere – und auch meine - Not ist es, dass uns Gott seine Größe nur erahnen lässt. Ich kann immer nur im „blinden“ Glauben annehmen, was die Heilige Schrift mir berichtet. Auch das Leben Jesu bedarf des Glaubens. Möge der Herr uns im Heiligen Geist Glauben schenken, damit wir die göttliche Dreifaltigkeit bekennen und ihr machtvolles Wirken tiefer erahnen dürfen. Dann wird sich aus unseren Herzen von selbst ein Lobpreis zum Dreifaltigen Gott erheben.