TAGESGEBET
Herr, unser Gott,
in der Heiligen Familie hast du uns ein leuchtendes Vorbild geschenkt.
Gib unseren Familien die Gnade,
dass auch sie in Eintracht und Frömmigkeit leben
und einander in der Liebe verbunden bleiben.
Führe uns alle zur ewigen Gemeinschaft in deinem Vaterhaus.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Herr, unser Gott, in der Heiligen Familie hast du uns ein leuchtendes Vorbild geschenkt.
„Herr, unser Gott“, beten wir täglich in jeder heiligen Messe und im Stundengebet der Kirche. Immer wieder reden wir unseren Gott aufs Neue an. Fast möchte ich fragen: Ob er uns oder mich auch hört? Ich entsinne mich, dass mich in meiner Studienzeit eben diese Frage einmal sehr beschäftigt hat. Es wurde mir bewusst, dass täglich, rund um die Uhr, millionenfach diese Anrede an Gott gerichtet wird. Wo immer gebetet wird, muss Gott zuhören. Täte er das nicht, wäre doch unser Beten sinnlos. Wie groß und unergründlich muss daher Gott in seinem Wesen sein, dass er für jeden Menschen in dessen Beten ganz da ist. Jedes Gebet ist geprägt von dem Bewusstsein, dass Gott mir zuhört und dass er mein Gott ist. Doch das Gebet sollte nicht „egoistisch“ sein. Eben dies war mein Problem, ich hätte Gott am liebsten ganz für mich gehabt. Ich musste lernen, dass Gott nicht nur mein Gott, sondern der Gott aller Menschen ist. Hier können sich Kindheitserfahrungen einmischen. Jedes Kind möchte Vater und Mutter ganz für sich haben. Es möchte nicht teilen! Als Kind musste ich meine Eltern mit sieben anderen Geschwistern teilen, und das fiel mir schwer. Ein Lernprozess hat mich gelehrt, dass Gott „unser“ Gott ist. Dennoch: wenn ich in der Kirche inmitten der vielen Menschen bete, habe ich immer zuerst den Eindruck, allein vor Gott zu sein. Zwar singen und beten rings um mich herum Christen, doch ich fühle mich nicht in der Gemeinschaft mit ihnen. Sie beten, und ich bete auch, jeder zu seinem Gott, der unser Gott ist. Eigenartig! Wenn wir zum Beispiel an eine Demonstration denken, dann müssen wir sagen, dass diese Menschen sich innerlich in ihrem Schreien verbinden. Es ist undenkbar, dass einer allein demonstrieren würde. Gerade das „Wir“ macht ihre Stärke aus. Ob wir das nicht auch auf unser Gebet vor Gott übertragen dürfen, ja sogar müssen, denn Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gewiss, er hat auch gesagt, „wenn du betest, dann gehe in dein Kämmerlein“. Ich soll zum Beten in mein Kämmerlein gehen, um nicht anzugeben. Doch es wird so sein, dass ich, wenn ich bete, mich immer in der Gemeinschaft der Kirche, im „Wir“ der Kirche, mich befinde. Nur wenn ich diese Gemeinschaft ausschließen wollte, wäre ich einsam und allein vor Gott, vielleicht gar nicht bei Gott! Doch nun müssen wir in unseren „Gedanken“ zur „Heiligen Familie“ kommen. Sie soll uns „Vorbild“ sein. Früher, ich habe schon einmal davon geschrieben, befand sich wahrscheinlich in jeder Wohnung einer christlichen Familie ein Bild der Heiligen Familie. Die dort lebende Familie stellte sich unter deren Schutz. Nun, wie es so ist, während des Studiums wurden viele Gedanken ausgetauscht, unter anderem auch über die Heilige Familie. Dabei wurde festgestellt, dass Josef nur „Nährvater“ war. „Kann man da“, so wurde gefragt, „von einer Familie, die uns Vorbild sein soll“, sprechen? Ich meine „Ja“. Im Auftrag Gottes haben Maria und Josef ihr Leben miteinander gelebt, füreinander gesorgt und miteinander gebetet. Ein weiteres Problem tat sich bei der Frage des Gehorsams der Kinder gegenüber den Eltern auf. Die Heilige Familie musste erleben, dass Jesus sich als zwölfjähriger Sohn auf der Wallfahrt nach Jerusalem von der Familie abgesetzt hatte, sodass die Eltern ihren “verlorenen“ Sohn suchen mussten. Ja, sie machten ihrem Sohn sogar einen Vorwurf, als sie ihn wiederfanden. Heilige Familie, so können wir feststellen, heißt nicht, dass es keine Schwierigkeiten geben darf. Diese sollen und können miteinander geklärt und bewältigt werden. Die Heilige Schrift will nicht das Idyll einer christlichen Familie zeichnen, sondern sagt in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus: Der Mensch muss Gott mehr gehorchen als dem Menschen. Unser Kirchengebet geht darauf nicht ein. Es bittet vielmehr: Gib unseren Familien die Gnade, dass auch sie in Eintracht und Frömmigkeit leben und einander in der Liebe verbunden bleiben. Die Bewältigung des Lebens, auch in der Familie, kann leichter geschehen, wenn wir mit Gott leben. Gott selbst soll den Familien helfen, indem er ihnen „Gnade“ schenkt. Was kann mit dieser „Gnade“ gemeint sein? Vielleicht dürfen wir für Gnade „Leben“ und „Liebe“ sagen; denn, wenn ich genug Leben und Liebe habe, kann ich selbst denen in meiner Familie gut sein, die mich zum Beispiel beleidigt haben. Nun geht es bei der „Gnade“ nicht nur um innerweltliches Leben. Gnade ist das Leben, das mich mit Gott verbindet. Da diese Gottverbundenheit durch mein menschliches, erdverbundenes Leben gelebt wird, hat „Gnade“ ihre Bedeutung im Leben mit Gott und im Leben mit den Menschen. Beides lässt sich nicht trennen. Da fällt mir wieder die Geschichte ein, die ich mit meiner Schwester erlebt habe. Sie sagte, ich könnte ohne Hilfe Gottes nicht einmal meine Finger bewegen. Es ist also schon ein Geschenk Gottes, es ist seine „Gnade“, dass ich leben, dass ich beten darf und dass ich zum Mitmenschen gut sein kann. Gott ist Mensch geworden, das ist die große „Gnade“. Darum können wir im menschlichen Leben – auch die Familien – aus und mit dieser Gnade leben. Und zuletzt möge unser Leben für immer bei Gott sein dürfen. Darum beten wir: Führe uns alle zur ewigen Gemeinschaft in deinem Vaterhaus, zur ewigen Gemeinschaft mit Gott. Die Heilige Familie hat auf Erden Gemeinschaft gelebt. Möge sie uns helfen, auf dieser Erde Gemeinschaft miteinander zu leben, um dann auch nach dem Tode die Freude der ewigen Gemeinschaft mit Gott und in Gott empfangen zu dürfen.
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