Palmsonntag
TAGESGEBET
Allmächtiger, ewiger Gott,
deinem Willen gehorsam, hat un-ser Erlöser Fleisch angenommen;
er hat sich selbst erniedrigt und sich unter die Schmach des Kreuzes gebeugt.
Hilf uns, dass wir ihm auf dem Weg des Leidens nachfolgen
und an seiner Auferstehung Anteil erlangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen

Allmächtiger, ewiger Gott, deinem Willen gehorsam, hat unser Erlöser Fleisch angenommen
Stets aufs neue muss ich feststellen, dass ich gleichsam wie eine Eintagsfliege lebe. Der „große Gott“ entschwindet mir aus meinem Gedächtnis, und ich bin ganz mit mir selbst und mit meinen Problemen befasst. Dabei könnte ich mich viel mehr auf Gottes Gegenwart verlassen; auf seine Führung und seinen Schutz. Das heißt nicht, dass ich keine eigene Anstrengung in meinem Leben machen soll, das heißt viel mehr, dass ich mit meiner Anstrengung nicht allein bin. Sie könnte von der Herzmitte Gottes getragen sein. Von diesem Herzen Gottes betet unser Gebet. ewiger Gott, deinem Willen gehorsam, hat unser Erlöser Fleisch angenommen. Es war der Wille des Vaters, dass sein Sohn uns erlöst hat. Hier kommt mir die ganze Menschheitsgeschichte vor Augen. Bevor „unser Erlöser“ Fleisch angenommen hat, hatte der Mensch sich von Gott getrennt. Die Heilige Schrift sagt: der Mensch hat gesündigt. Gott Vater hat diesen seinen Menschen nicht aufgegeben. Selbst zur Zeit der großen Sündflut hat er noch ein Menschenpaar gerettet. Doch dem Menschen fiel und fällt es zu allen Zeiten schwer, mit diesem seinem Gott zu leben. So kam es, dass Gott Vater einen anderen Weg wählte, dem Menschen die Möglichkeit zu geben, mit IHM sich zu versöhnen und mit IHM zu leben. Er sandte seinen eigenen Sohn. Dieser war dem Willen des Vaters in allem gehorsam. Er hat den Gehorsam, den einst Adam und Eva im Paradies gebrochen haben, durchgehalten. Hier kann an die Theologie erinnert werden, die sagt, dass im Ordensleben das Gelübde des Gehorsams die zwei anderen Gelübde: Ehelosigkeit und Armut umschließe.
Doch nun wieder zum Text. Unser Erlöser hat Fleisch angenommen. Es hätte, so lässt sich sagen, Gott gewiss viele andere Möglichkeiten gehabt, den Menschen zu erlösen, doch er wollte den Weg gehen, der dem Menschen gemäß war: Sein Sohn wurde Mensch. Die Theologie spricht vom „Abstieg Gottes“. Unser Gebet spricht nicht nur davon, dass Gott Mensch wurde, sondern es betet: Unser Erlöser hat Fleisch angenommen. Das muss wieder einen besonderen Sinn haben. Wir beten auch beim „Engel des Herrn““, und das Wort ist Fleisch geworden. Mit Fleisch muss die ganze irdische, unerlöste Existenz gemeint sein. Jesus, Gottes Sohn, ist in allem uns Menschen gleich außer der Sünde. Er hat unsere vergängliche Existenz angenommen. Nur, was Jesus angenommen hat, konnte durch ihn erlöst werden. Wollte er den Menschen erlösen, musste er ganz Mensch werden.
Er hat sich selbst erniedrigt und sich unter die Schmach des Kreuzes gebeugt. Hier fällt mir wieder Angela von Foligno ein, die gesagt hat, dass Jesus, noch ehe der Vater ihn gebeten, das Kreuz angenommen habe. In ihrer Liebe zum Herrn wollte sie auch das Kreuz als ihr Bett haben. In Kreuzwegandachten wird mitunter gebetet, wie die Soldaten Jesus an das Kreuz zerren. Das ist zwar beeindruckend aber sicherlich theologisch falsch. Wenn Jesus den „Abstieg“ aus seiner Herrlichkeit in die irdische Existenz vollzogen hat, dann hat er gewiss diesen Abstieg bis in die letzte oder äußerste Tiefe in Freiheit vollzogen. Das ändert nichts an der Wirklichkeit, dass dieser Abstieg grausam war. Zu der Erniedrigung des Abstieges kam der schmachvolle Tod am Kreuz. Wir haben uns zu sehr schon an das Bild von den zwei Schächern, in dessen Mitte Jesu Kreuz sich befindet, gewöhnt. Es zeigt zusätzlich zum Tod am Kreuz eine Verhöhnung Jesu an. Theologisch hat auch diese Szene große Bedeutung: der eine nimmt sein Leben an und bereut vor dem Herrn. Er kommt mit dem Herrn in das Paradies. Der andere bleibt in seiner verstockten Haltung und geht nicht mit dem Herrn. Gewiss eine Mahnung für die Menschen aller Zeiten.
Ich muss wieder an den heiligen Franziskus denken. Ihm wird ein Gebet zugeschrieben, das er immer betete, wenn er in eine Kirche kam: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, hier und in allen Kirchen auf der ganzen Welt, weil du durch dein heiliges Kreuz die Welt erlöst hast.“ Der heilige Franziskus muss jene Wirklichkeit, die wir Erlösung nennen, in ihrer Tiefe erfasst haben. Er muss den Bruch mit Gott, den die Sünde bewirkt hat, erahnt und erlitten haben. Und er wollte sein ganzes Leben zur Rettung der Menschen Gott darbieten. Es ist nicht verwunderlich, dass, wie es die Legende zu berichten weiß, der Teufel den Franziskus vom Berg La Verna hinunterstürzen wollte, weil er ihm zu viele Menschen entreißen würde.
Es ist darum gut und richtig, wenn wir weiter beten: Hilf uns, daß wir ihm auf dem Weg des Leidens nachfolgen und an seiner Auferstehung Anteil erlangen. Das Ziel unseres Lebens ist die „Auferstehung“ durch den Tod hindurch. In diesem irdischen Leben bleiben uns Krankheit und Not nicht erspart, doch wir haben ein Ziel. Wir brauchen auch den Weg unseres Lebens nicht allein zu gehen, denn der Herr geht ihn mit uns. Das heißt nicht, dass die Schmerzen, seien es seelische oder körperliche, geringer sind, sie können jedoch „erlöste Schmerzen“ sein. Der Herr ist uns auf dem Weg des Leidens vorausgegangen. Er steht auch heute jedem bei, der ihn darum bittet. Ein Lied besingt: Mit ihm zu gehen, ist kein Spaziergang. Doch der Weg hat ein Ziel: die Auferstehung. Das Ziel fest im Auge, können wir manches Leid ertragen. Laßt es uns vom Herrn für uns und alle Menschen erbitten.