TAGESGEBET
Allmächtiger, ewiger Gott,
durch das Geheimnis des heutigen Tages
heiligst du deine Kirche in allen Völkern und Nationen.
Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes,
und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat,
das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich glauben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Allmächtiger, ewiger Gott
Immer wieder erfasst mich in meinem Innern ein Schaudern, wenn ich das Wort vom „allmächtigen“ und „ewigen Gott“ betrachte. Vor allem wohl, weil diese Worte von unserem Glauben sprechen. Ich kann den „allmächtigen und ewigen Gott“ nicht sehen und nicht hören. Ich bin immer auf das angewiesen, was über ihn gesagt oder geschrieben wurde. Gewiss, sein Sohn, Jesus Christus, hat uns Kunde von ihm, seinem Vater, gebracht. Auch bei dieser Kunde bin ich auf das Wort verwiesen, das der Sohn uns gesagt hat. Das ist noch eine weitere Schwierigkeit, dass die Worte, die der Sohn uns hinterlassen hat, nicht in Stenographie mitgeschrieben worden sind, sondern sie wurden von Jesus gesprochen und mündlich von Mensch zu Mensch weitergegeben. Jeder Mensch hört mit seinem eigenen Herzen und mit seinen eigenen Ohren. Das heißt, niemand kann etwas „objektiv“ aufnehmen, da jedes Wort, das uns erreicht auf ein Leben stößt, mit dem es sich vermischen muss. All dies bedacht, ist es ein Wunder, dass uns die Botschaft von Jesus Christus und durch ihn von seinem Vater, dem allmächtigen Gott im Himmel, dennoch ohne Fälschung erreicht hat. In der Theologie wird vom Heiligen Geist gesprochen, der der Garant für die Unfehlbarkeit der Lehre ist. Hören wir nun, was der ewige Gott wirkt und bewirkt. „Durch das Geheimnis des heutigen Tages heiligst du deine Kirche in allen Völkern und Nationen.“ Das Geheimnis des heutigen Tages ist der „Heilige Geist“. Wo immer Heiliger Geist ist, da ist „Heiligkeit“. Da der Kirche der Heilige Geist geschenkt ist, mehr noch: der Heilige Geist das Leben der Kirche ist, kann von der „heiligen Kirche“ gesprochen werden. Darum beten wir zum Beispiel im Glaubensbekenntnis, „ich glaube an die heilige, katholische Kirche“. Würde der Kirche der Heilige Geist entzogen, gäbe es keine Kirche mehr. Die Kirche ist jedoch nicht nur ein „überirdisches“ Gebilde, sondern sie besteht aus schwachen und sündhaften Menschen. Diese bedürfen der steten Vergebung, oder mit den Worten des Gebetes ausgedrückt, der Heilige Geist, der die Vergebung der Sünden bewirkt, heiligt immerzu in allen Völkern und Nationen die Menschen. Vielleicht müsste hinzugefügt werden: er heiligt alle Menschen, die sich von ihm heiligen lassen möchten; denn er vergewaltigt niemandem. Wir können ihn darum bitten, dass er uns immerzu „heiligen“ möge, um so vor Gott als geheiligte Menschen leben zu können. Hier kommt mir wieder eine Erinnerung, ein Wort eines Theologen, der uns Studenten Exerzitien gab, er sprach vom „vergessenen Heiligen Geist“. Er wollte offensichtlich darauf hinweisen, dass wir Christen – Priester und Gläubige – zu wenig zum Heiligen Geist beten und auch nicht bewusst mit ihm leben. Es gibt Menschen, die eine besondere Beziehung zum Heiligen Geist haben. Leider kann ich das von mir nicht sagen. Das bedauere ich sehr. Zumal ich doch die Sakramente Taufe, Firmung und Priesterweihe als besondere Gaben des Heiligen Geistes empfangen habe. Ich entsinne mich, dass mein Pfarrer in meiner Heimat früher vor der Predigt immer laut ein Gebet zum Heiligen Geist gebetet hat. Auch das finde ich schade, dass ich mir das nicht angeeignet habe.
Doch die besonderen Gaben des Heiligen Geistes umfassen nicht das ganze Wirken eines Lebens. Der Heilige Geist ist vielmehr in allem guten Leben und Wirken der Menschen gegenwärtig. Das Gebet bittet den allmächtigen Gott, er möge die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes erfüllen. „Es ist der eine Geist Christi (der Heilige Geist), der in der Kirche die Vielheit der Gaben und Dienste bewirkt und der die Einheit des Glaubens und des Bekenntnisses schafft (Schott).“ Das Gebet als Gebet der Kirche schaut zurück auf die Anfänge der Kirche. Diese ist nicht von Menschenhand geschaffen. Die Jünger und Apostel des Herrn hatten sich nach dem Tode ihres Meisters und Herrn Jesus Christus aus Angst vor den Juden eingeschlossen. Der Geist Gottes befreite sie von dieser Angst. Er erfasste die Jünger und Apostel des Herrn, und sie traten ohne Furcht vor den Menschen auf und verkündeten die Botschaft vom erlösenden Leben, Sterben und Auferstehen ihres Meisters und Herrn Jesus Christus. Eine „neue Lehre“ nannten die Menschen diese Verkündigung. Und sie war und sie ist es bis heute. Darum ist die Bitte an Gott berechtigt: „Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes.“ Der Heilige Geist war es, der von Anfang an die Herzen der Menschen erfasst hat. Er war es, der die Menschen die „neue Lehre“ annehmen ließ. Er ist es, der durch die Jahrhunderte die christliche Botschaft von Generation zu Generation lebendig erhalten hat. Er ist es, der den Glauben der Kirche unverfälscht bewahrt hat. Kurz gesagt: der Heilige Geist ist der Garant unseres Glaubens. Er ist der eigentliche, der erste und letzte Bewahrer unseres rechten und richtigen Glaubens. Damals, nach dem ersten Pfingstfest in Jerusalem traten die Jünger und Apostel voll Enthusiasmus vor das Volk, und viele Menschen nahmen die Botschaft an. Unser Gebet bittet den allmächtigen Gott, was seine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt habe, möge er auch heute in den Herzen der Menschen bewirken. Ich muss noch einmal auf den „vergessenen Heiligen Geist“ zu sprechen kommen. Ich habe den Eindruck – und ich schließe mich darin ein – dass wir als Kirche alles selbst machen wollen. Wir „rechnen nicht oder zu wenig mit dem Heiligen Geist“. – Das zu ändern, möchte ich mir erneut zu Herzen nehmen!
|